Predigt    1.Korinther 1/26-31   1. Sonntag nach Epiphanias   08.01.06

"Wo sich Himmel und Erde berühren"
(Von Vikar Michael Krauß, Hospitalkirche Hof)

Liebe Leser,

der durchschnittliche traditionell glaubende Mensch lebt auf dem Land, ist alt und vergleichsweise ungebildet. Das besagt eine Untersuchung aus Österreich. Glaube ist was für die, die mit ihrem Leben allein nicht zurechtkommen; für die Alten, die sonst niemanden haben! Unser Predigttext klingt ähnlich nur mit dem Unterschied, dass Paulus behauptet, dass niemand mit dem Leben zurecht kommt: Kein Mensch kann sich rühmen. Und zwar einfach aus dem Grund, weil es schon ein Schwachsinn ist, von „meinem“ Leben zu reden, mit dem ich selbst zurecht kommen soll.

Ich höre Paulus durch die Zeilen reden: Ihr Griechen und modernen Menschen macht euch was vor, wenn ihr meint, ihr könntet von euerem Leben reden. Was soll das sein, euer Leben? Wie wollt ihr euer Leben getrennt vom restlichen Leben behandeln? Was wärt ihr ohne andere? Wo hört euer Leben auf? Ist es nicht mehr euer Leben, wenn auf dieser Welt Menschen aus lächerlichen Gründen sterben. Aus Mangel an sauberem Wasser, an Kälte, aus Mangel an Nahrung. Es sind immerhin Menschen, von denen ihr wisst, durch den Fernseher in euerem Wohnzimmer. Ist es nicht mehr euer Leben, wenn euere Tochter ein Kind bekommt? Es ist doch ein anderer Mensch. Und trotzdem nennt ihr es eueren Enkel? Was also soll die Augenwischerei vom eigenen Leben?

Wenn man sich mal eingestanden hat, dass es „mein“ Leben in Abgrenzung zum anderen Leben nicht gibt, muss man etwas abgewandelt sagen: Glauben ist etwas für die, die mit dem Leben als Ganzem nicht zurecht kommen. Also für alle. Denn wer kommt schon mit der ganzen Welt zurecht? Ich denke, das ist die Perspektive, die der 1. Korintherbrief zu bieten hat: Er hilft einzugestehen: Niemand kommt zurecht mit dem Leben in all seiner Fülle – auch ich nicht.

Für Eigenlob und Stolz bleibt kein Platz, wenn man wie Paulus zu der Überzeugung kommt, dass man selbst an sich so gar nicht existiert. Es bleibt nur Staunen darüber, dass Gott doch irgendwie alles am Laufen hält.

Der erste Schritt zum Glauben bei Paulus heißt also, zu entdecken und für wahr zu nehmen, dass es mich abgegrenzt von anderen gar nicht gibt. Wer sind wir dann überhaupt? Paulus denkt von hier aus weiter. Hier kommt der schwierigste Vers unseres Predigttextes: Durch ihn, also Gott, seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung. Durch Gott, der uns in all unserer Hilflosigkeit hält, damit sich niemand seiner selbst rühme, durch diesen Gott sind wir in Christus Jesus.Wir sind in Jesus Christus. Jesus Christus und wir verschmelzen sozusagen. Etwas gewagt ausgedrückt: Im besten Falle sind wir Jesus Christus. Wie soll man sich das nur vorstellen?

Ein junger Mann klopft an die Tür seiner Geliebten.
Wer ist da?- Ich bin´s.
Die Tür bleibt verschlossen. Er klopft wieder.
Wer ist da? - Ich bin´s.
Die Tür bleibt verschlossen. Er klopft ein drittes Mal.
Wer ist da? – „Geliebte“.
Sie öffnet.

Solange der junge Mann meint, vor allem er sei wichtig, solange er vor allem „Ich“ sagt, bleibt die Tür verschlossen. Als der junge Mann auf die Frage: „Wer ist da?“ mit „Geliebte“ antwortet, verschmelzen in dieser Antwort die beiden Liebenden. Die Tür geht auf. Genauso ist der Vers bei Paulus zu verstehen. Indem wir merken, dass Christus kein Fremder außerhalb von uns ist, sondern dass er unser eigentliches Wesen ist, werden wir weise, gerecht, heil und erlöst, ja wir werden, wer wir eigentlich sind: Ebenbilder Gottes, Ebenbilder Christi. An Christus sehen wir, wer wir als Menschen wirklich sind.

Gehört z.B. der Hass zu uns? Nein, sagt Paulus. Hass mag zwar in uns wüten, aber zu unserem eigentlichen Wesen gehört er nicht. Denn in Christus ist kein Hass. Noch interessanter werden die Überlegungen des Paulus, wenn man sie nicht nur auf sich selbst sondern auch auf andere anwendet und sich fragt: Ist der, der mir böse, kalt oder unbarmherzig begegnet wirklich böse? Nein, sagt Paulus: Er begegnet dir böse und das Böse mag ihn umtreiben, aber er ist in seinem eigentlichen Wesen nicht böse. Denn auch sein eigentliches Wesen ist Christus. Denn er ist Ebenbild Gottes. Er hat es nur noch nicht erkannt oder erträgt es nicht. Hilf ihm dabei!

Das soll nicht heißen, so zu tun, als gäbe es nichts Böses in der Welt. Im Gegenteil: Es heißt die Augen zu öffnen für die Realität: Wenn ich davon überzeugt bin, dass Christus in meinem Gegenüber lebt, genau wie in mir, dann bin ich gezwungen, nach Gründen zu suchen, warum Hass sein Wesen überlagert und vielleicht auch meines. Dann bin ich gezwungen, nach den Verletzungen zu suchen, die für den Hass verantwortlich sind – in ihm und in mir. Dann kann ich nicht mehr die Augen schließen und Menschen als Monster abstempeln. Dann muss ich die Augen offen halten und Wege suchen, damit wieder das sichtbar wird, was den Menschen zum Menschen macht: Die Gottesebenbildlichkeit.

Wenn wir diesen Blick einnehmen, wie Paulus uns vorschlägt, dann berühren sich Himmel und Erde. Dann begegnen wir den Menschen des Paradieses in den Menschen der gefallenen Welt. Dann ist der Himmel nicht mehr weit weg, sondern greifbar in Freude und Leid der Welt um uns herum.

Christen wird gerne einmal vorgeworfen, dass ihr Glaube den Blick auf die Welt versperre, indem er auf den Himmel vertröste. Mir scheint es eher anders herum zu sein: Nur wer den Blick auf den Himmel wagt, also auf Christus in sich selbst und in allen Menschen, kann es ertragen, auf diese Welt zu blicken: auf das ganze Leben. Wer den Himmel für möglich hält, der kann ehrlich auf die Welt blicken auch wenn sie ihm feindlich entgegen kommt.

Wer meint, er käme auch ohne diesen himmlischen Blick mit dem Leben zurecht, der hat die Augen wohl noch nicht aufgemacht. Der hat sich seine kleine Welt gezimmert und die große Welt verdrängt. Der hat sich wohl daran gewöhnt, dass Menschen zu Tode gequält werden, verhungern, verdursten, gedemütigt werden und sich selbst demütigen. Der hat sich wohl daran gewöhnt, dass ein Mensch in Todesqualen vor uns hängt, der als solcher nicht mehr wahrgenommen wird.

Warum sonst nimmt ihn niemand ab wie Josef von Arimatäa? Warum verbindet ihm niemand die Wunden und legt ihn ins Grab? Warum schreit niemand auf? Vielleicht einfach, weil wir ihn ausblenden, weil wir es nicht ertragen, den gekreuzigten Gott zu sehen. Wie wir es nicht ertragen können und weiter blättern müssen, im Magazin, das auf den Ledersesseln unserer Wohnzimmer liegt, weiterblättern über die Folterbilder, über die Winterbilder aus Pakistan, über die Drogentoten und Zwangsprostituierten. Weiterblättern, weil sie uns anklagen, uns weh tun in unserem warmen Sessel, weil wir nicht zurechtkommen mit ihnen. Weil sie uns zeigen, dass wir uns die Augen zuhalten, wir selbsternannten Realisten! Ja, es ist schwer zu ertragen, dass Gott realistischer ist als wir selbst und uns als Gekreuzigter dazu zwingt die Augen auf zu machen für die Welt, wenn wir ihn und den Himmel nicht verlieren wollen.

Der gekreuzigte Gott erinnert uns daran, dass jeder Schmerz auf dieser Welt unsere eigener ist, ob wir wollen oder nicht. Denn er zeigt: Jeder Schmerz ist der Schmerz unseres Schöpfers, dessen Ebenbilder wir sind. Wir können ihn nur verdrängen, indem wir die Leidenden wegschieben. Aber indem wir die Gemeinschaft der Leiden aufkündigen, schieben wir auch die Gemeinschaft der Freude weg, denn wir schieben unseren Schöpfer weg. Wenn das Leid dieser Welt nicht unser Leid ist, dann kann auch die Freude dieser Welt nicht unsere sein. Dann sind es Leid und Freude anderer, über die wir zwar reden können, die uns aber nicht selbst froh macht. Durch die Abgrenzung, die wir zu anderen ziehen, kommt auch die Freude nicht mehr zu uns durch. Weil wir „Ich bin´s, ich bin´s, ich bin´s!“ schreien, bleiben wir einsam vor der Tür des Lebens, das uns fremd bleibt, obwohl es in uns wohnt, aber eben nicht als unser Leben, das wir in der Einkaufstüte mit in unser selbstgebasteltes Weltbild nehmen können, sondern als das Leben, das mit allem Leben dieser Welt verbunden ist durch seinen Schöpfer.

Wer das Leid der Welt vergisst, dem bricht auch der Himmel weg. Augen auf für das Kreuz! Augen auf für den Himmel! Wer anklopft, dem wird aufgetan. Wir müssen ja nicht gleich „Geliebter“ schreien. Wie wär´s, ihn erst mal „Fremder“, „Unerträglicher“, „Wunderbarer“, oder „Zweifelhafter“ zu nennen. Ich bin sicher, er lässt sich auch gerne ansprechen mit „du, an den ich nicht glaube“. Wer sich rühme, der rühme sich des Herrn!

Vikar Michael Krauß    (Hospitalkirche Hof)

Text: 

26 Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen.
27 Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist;
28 und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist,
29 damit sich kein Mensch vor Gott rühme.
30 Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung,
31 damit, wie geschrieben steht (Jeremia 9,22-23): »Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!«


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