Predigt    1. Korinther 7/29-31    20. Sonntag nach Trinitatis    29.10.2006

"Das rechte Verhältnis der Christen zu den Dingen dieser Welt"
(
Von Vikar Jörg Mahler, Hospitalkirche Hof)

"Lieber Paulus!

Heute mutest du uns einiges zu. Warum forderst du so seltsame Dinge von uns? Diejenigen, die Frauen haben, sollen so sein, als hätten sie keine. Sicher, lieber Paulus, die Ehe kann manchmal anstrengend sein, und vielleicht kommt einem einmal der Satz über die Lippen: Ach, hätte ich dich damals bloß nicht geheiratet! Aber ernst meinen diesen Satz die Wenigsten. Denn die Ehe ist doch in erster Linie etwas schönes. Es tut gut, einen Menschen zu haben, mit dem man durch Dick und Dünn geht, dem man vertrauen kann, den man gern hat und liebt, bei dem man sich geborgen weiß und zu Hause fühlt. Warum sollen wir uns so verhalten, als hätten wir keine Partner oder Familien?

Diejenigen, die weinen und die sich freuen, sollen sein, als weinten und freuten sie sich nicht, schreibst du weiter. Hast du etwas dagegen, Paulus, dass wir unsere Gefühle zeigen? Gefühle sind doch wichtig. Sie drücken aus, wie es uns geht, was uns beschäftigt. Wenn ein lieber Mensch gestorben ist, dann muss ich nicht die Tränen zurückhalten und Fassung wahren. Denn dadurch verdränge ich den Schmerz doch nur, aber verarbeite ihn nicht. Und ich sehe die Kinder am Spielplatz: Die einen spielen fangen und rennen umher, die anderen gönnen der Rutschbahn keine Pause. Alle lachen sie und sind fröhlich. Und ihre Fröhlichkeit kann anstecken. Sollten wir wirklich keine Emotionen zeigen?

Diejenigen, die kaufen, sollen sein, als behielten sie nicht. Ich habe mir ein Auto gekauft, lieber Paulus, und das möchte ich schon etwas behalten. Und ich kenne einen Manager. Er lebt davon, dass er kauft und verkauft. In der Wirtschaft geht es um Erfolg und Umsatz, sonst bleibt man auf der Strecke. Lieber Paulus, deine Ratschläge muten uns seltsam an. Was meinst du genau? Was erwartest du von uns?" Soweit mein Brief an Paulus, liebe Gemeinde.

Gerne hätte ich ihm diesen Brief geschickt. Die Worte von Paulus haben bestimmt in vielen von uns Widerstände geweckt. Wir können den Apostel nicht mehr fragen, was es damit auf sich hat. Aber vielleicht müssen wir den Apostel gar nicht fragen, vielleicht müssen wir den Text nur genau lesen. Fordert uns Paulus wirklich auf, auf alles, was unsere Welt ausmacht, zu verzichten, sich gleich einem Asketen von Beziehungen, Sexualität, Emotionen, Geld und Gut, ja von der ganzen Welt zu lösen?

Wichtig zum rechten Verstehen des Briefabschnitts sind die beiden Sätze, die diese Verhaltensregeln rahmen. Paulus schreibt: Die Zeit ist kurz. Und: Das Wesen dieser Welt vergeht. Das Wesen dieser Welt vergeht: Dieses Weltende ist für Paulus kein Weltuntergang, wie er uns in vielen Kinofilmen vor Augen gemalt und durch einen Helden im letzten Augenblick abgewendet wird. Dieses Weltende ist für Paulus eine Weltwende. Alle Mächte und Gewalten, denen wir Menschen ausgeliefert sind, vergehen. Für ihn zieht die neue Welt Gottes herauf. Das Kommen dieser neuen Welt ist nicht etwas, das sich allein in der Zukunft ereignet, für Paulus in „kurzer Zeit“. Das Kommen dieser neuen Welt hat für ihn und alle Christen bereits begonnen. In Jesu Tod und Auferstehung ist sie schon angebrochen. In Jesus hat Gott Schuld und Tod überwunden. Keine Mächte und Gewalten sollen den Menschen mehr knechten, keine Schuld, kein Tod, keine Krankheit, keine Not, keine anderen Menschen. Das ist die unumstößliche Gewissheit, die allem, was Paulus sagt, zu Grunde liegt. Das relativiert für ihn alle Dinge, die uns täglich umgeben und beschäftigen.

Fordert uns Paulus nun wirklich auf, auf alles, was unsere Welt ausmacht, zu verzichten? Nein, das tut er ganz bestimmt nicht. Er schreibt ja nicht: Die weinen, die sollen nicht mehr weinen. Sondern: Sie sollen sein, als weinten sie nicht. Er schreibt nicht: Wir sollen nicht kaufen, sondern: Die kaufen, sollen sein, als behielten sie es nicht. Es geht ihm um die rechte Einstellung zu den Dingen dieser Welt. Ich möchte, dass ihr ohne Sorge seid (V32).

Paulus steht mitten im Leben. Er kann auch ganz andere Dinge sagen, als die, die uns so weltverachtend erscheinen. So heißt es bei ihm: Wer eine Jungfrau heiratet, der handelt gut (1.Kor 7,38a). Und er kann die enge Verbundenheit und den gegenseitigen Respekt von Mann und Frau in der Ehe betonen (1.Kor 7,1-5). Und an die Gemeinde in Rom schreibt er: Freut euch mit den Fröhlichen, und weint mit den Weinenden (Röm 12,15). Er warnt uns aber bei alledem: Lasst euch nicht bis aufs Letzte von den Dingen dieser Welt bestimmen!

Manchmal, da merke ich selbst, wie mich die Dinge dieser Welt gefangen nehmen, so dass ich mich nicht mehr wohl und nicht mehr frei fühle. Der Manager, der kaufen und verkaufen muss, er lebt ständig mit der Angst, dass ein Projekt scheitert, dass seine Arbeit keinen Erfolg hat. Er kommt jeden Tag erst um Sieben oder Acht aus der Arbeit, sieht seine Kinder und seine Familie kaum, weil er ja auch oft am Samstag in die Firma muss. Sein Beruf macht ihm Spaß, aber oft leidet er auch darunter. Kaufen und Verkaufen, aber so als behielte man nicht, so, dass die Arbeit nicht die letzte mich bestimmende Wirklichkeit ist, so, dass ich auch mal abschalten kann, einen Schritt zurücktrete und zur Ruhe komme. Kaufen, als behielte man nicht. Eine gelassene Einstellung zur Arbeit. Ja, Paulus, wird der Manager sagen, da ist schon was dran an deinen Worten.

Ich muss auch an ein Spiel des Radiosenders Antenne Bayern denken. Täglich um Zehn nach Sieben wird die Nummer eines Zehn-Euroscheins bekanntgegeben. Wer diesen Schein besitzt, bekam zuletzt 100.000 Euro im Tausch für diese Zehn. Dafür wird geworben mit dem Slogan: „Wann immer sie einen 10-Euro-Schein in die Finger bekommen: Behalten sie ihn. Machen sie den Tausch ihres Lebens.“. Man kann keine zehn Minuten mehr Radio hören, ohne dass für das Spiel geworben wird. Da vergeht mir nicht nur die Lust auf Radiohören – ich habe den Sender längst gewechselt -, es ist vielmehr erschreckend, wie sehr die Menschen diesem „Tausch des Lebens“ hinterherfiebern. Händler berichten, dass sie keine Zehn-Euroscheine mehr in die Kassen bekommen, jeder macht Jagd darauf. Schön, wenn’s klappt, und man die richtige Nummer hat. Aber: Ist dieses Fiebern nach dem großen Geld, das einen Großteil von Bayern erfasst hat, noch gut? Wer hat, soll sein, als behielte er nicht. Mich entlastet dieser Satz. Er befreit mich davon, jedem Cent hinterherzulaufen, nur auf den großen Tausch, den vermeintlichen Tausch des Lebens, dem größtmöglichen finanziellen Gewinn aus zu sein.

Da ist die Frau, deren Ehemann gestorben ist, die jeden Tag die Trauer überfällt, die, wenn sie alleine ist, fast immer Tränen in den Augen hat. Die Trauer lähmt sie. Sie geht kaum mehr außer Haus, findet keine Motivation mehr zum Kochen und Putzen, zum Fernsehschauen oder Rätsel lösen, was früher ihre Lieblingsbeschäftigung war. Diese Frau sehnt sich danach, aus der Trauer und dem Schmerz herauszukommen, wieder ins Leben zu treten. Ja, Paulus, wie schön wäre es, zu weinen, als weinte ich nicht. Wie schön wäre es, dahin zu kommen, dass ich mich nicht mehr von der Trauer abhängig mache.

Ich will, dass ihr ohne Sorge seid, schreibt Paulus. Christen wissen mit Paulus, dass Gottes neue Welt schon angebrochen ist. Deshalb lassen sie sich schon von dieser neuen Wirklichkeit bestimmen. Deshalb können für sie die Dinge dieser Welt ins zweite Glied zurückrücken, ihren letztverbindlichen und endgültigen Charakter verlieren. Uns ist eine innere Freiheit geschenkt, eine Gelassenheit. An Jesus Christus und sein Kommen gebunden, lassen wir uns nicht total von der Welt vereinnahmen und abhängig machen.

Doch geht das so einfach, dass wir uns nicht von unserer Lebenswelt bis aufs Letzte bestimmen lassen, sondern dass wir uns von Gott her bestimmen lassen und dass wir von den Bindungen, bei denen wir fühlen, dass sie uns gefangen nehmen, frei werden?
Ich denke, es ist ein Prozess, bis wir dahinkommen, es geht nicht von heute auf morgen. Wir müssen uns immer wieder neu Zugang zu dieser anderen Wirklichkeit verschaffen, von der sich Paulus bis ins Letzte bestimmen lässt. Indem wir innehalten, uns auf Gott, auf die Botschaft von der Freiheit, vom Leben, von der Gnade, von der Liebe und Verantwortung besinnen, indem wir das immer wieder tun, kommt es in uns zu Veränderungen. Stück für Stück werden wir freier und gelassener.

Der Gottesdienst, heute am Sonntag, oder freitags der Wochenschlussgottesdienst, ist ein solcher Ort, in dem wir aus dem Alltag heraustreten, in dem wir Verbindung bekommen zu der Wirklichkeit Gottes. Wir hören hier Gottes befreiende Botschaft. Die Lieder und die Musik helfen uns, unsere Gedanken zu sortieren, zu fragen, was uns wichtig ist. Im Segen bekommen wir Gottes Beistand und Kraft für die neue Woche zugesprochen. Wir sind Schritt für Schritt unterwegs, uns von der Liebe und vom Vertrauen auf Gott bestimmen zu lassen.

Wir leben in der Welt, liebe Gemeinde. Wir haben Lebenspartner und Familien, und dürfen sie haben. Wir dürfen lachen und weinen. Wir dürfen kaufen und besitzen. Das alles schenkt uns Gott, es gehört zu unserem Leben. Aber bei alledem gilt, was Luther gesagt hat: Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott. Nur wenn wir uns nicht durch Besitz und Besitzdenken gefangen nehmen lassen, sind wir wirklich frei. Dann denken wir übrigens auch an die Not der Menschen ohne Besitz. Nur wenn wir uns nicht von Trauer fesseln lassen, sind wir wirklich frei. Dann können wir mitweinen, und wissen zugleich um Trost. Nur wenn wir nicht weltliche Genüsse vergöttern, sind wir wirklich frei. Dann können wir mitlachen, und wissen, dass sich auch der Himmel freut. Nur wenn wir unseren Ehepartner nicht als Besitz ansehen, bleibt die Ehe lebendig, in der wir uns täglich immer wieder neu füreinander entscheiden, uns auf gleicher Augenhöhe begegnen, und uns vom anderen auch immer wieder überraschen lassen.

Wenn unser Herz bei Gott ist, dann sind wir ein Stück unabhängiger von den Dingen dieser Welt und gehen mit allem gelassener um. Diese Freiheit öffnet uns die Augen für den anderen. Wir werden Teil der neuen Wirklichkeit Gottes, die greifbar und sichtbar wird, wo Menschen Frieden stiften, Versöhnung schaffen und Liebe leben. Ist unser Herz bei Gott, so können wir mitlachen und mitweinen, und wissen doch, dass alles einmal, Freud und Leid, Gelingen und Scheitern in der Hand Gottes aufgehoben ist.

Vikar Jörg Mahler  (Hospitalkirche Hof)

Text: 

Paulus schreibt:

29 Das sage ich aber, liebe Brüder: Die Zeit ist kurz. Fortan sollen auch die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht;
30 und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht;
31 und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.


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