Predigt    2. Korinther 11/18 - 12/10   Sexagesimä (60 Tage vor Ostern)   19.02.06

"Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig"
(Von Vikar Michael Krauß, Hospitalkirche Hof)

Liebe Leser,

Jahrzehnte bevor die Evangelien geschrieben wurden, gründete Paulus rund um das östliche Mittelmeer zahlreiche Gemeinden. Rastlos war er auf eigene Kosten unterwegs. Niemand sollte ihm nachsagen können, er missioniere um leben zu können. Er brachte die Botschaft Jesu Christi in die Welt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater, denn durch mich.“ Jeder wird gerettet, der an diesen Jesus Christus glaubt. Gerettet. Allein aus Glauben. Allein aus Gnade. Allein durch Christus. Weiter braucht es nichts.

Eine Botschaft so spektakulär und einfach, dass sie unglaubwürdig wirkt. Unglaubwürdig auf den Tribünen der Gladiatorenarenen gestern wie heute. In den Arenen entscheiden List, Geschick, Kraft und Schönheit über Aufstieg und Niedergang. Die Welt schaut zu wenn die Kaiser Dieter Bohlen, Ackermann oder Nero den Finger heben oder senken, wenn Menschen aufsteigen und untergehen. Und jeder wähnt: Die Arena ist Sinnbild des eigenen Lebens. Gute Lehrer sind deshalb gute Gladiatoren. Wer den besten von ihnen zum Lehrer hat, der steigt auf in den Olymp. Die Verbindung zu den Stars, zu den Besten lässt auch dich den Himmel erstürmen. Orientiere dich an den Sternen, damit du nicht im Staub endest, wo dich die Hunde fressen!

Paulus mit seiner einfachen Botschaft macht sich in der Arena etwa so gut wie unser ehemaliger Finanzminister Hans Eichel: schütteres Haar, krumme Beine, schlecht proportioniertes Gesicht, kränklicher Typ. So schildert die Bibel Paulus. Die Bedeutung des Paulus wächst aus seinen Briefen. Wenn er aber persönlich auftaucht, ist man unwillkürlich enttäuscht wie die Gemeinde in Korinth. „Mensch, Paulus, mach was aus dir!“, lässt man ihn in Korinth wissen. Wir brauchen Stars in der Arena! Meister, die uns die Regeln des Spiels lehren, die uns den Weg in den Himmel zeigen. Lehre uns die Spielregeln, damit wir emporsteigen zum Himmel! Wenn nicht brauchen wir jemand anderen. Wir wollen den Besten, schließlich geht's um unser Leben!

Und Paulus geht auf die Ängste ein: Ihr meint, ihr braucht einen Helden. Wenn ihr meint: Ich mach euch den Helden. Aber nur, um euch zu zeigen, dass die Probleme wo ganz anders liegen. Ihr lasst euch von Idioten demütigen. Ihr ertragt es, wenn euch jemand ausnützt, wenn euch jemand gefangen nimmt, wenn euch jemand erniedrigt und euch ins Gesicht schlägt. Zu meiner Schande muss ich sagen, das habe ich nie fertig gebracht! Wenn ihr mich seht, denkt ihr unwillkürlich: „Was für ein Trottel!“

Ich habe euch nie die großen Geschichten erzählt. Ihr sollt ja nicht an mich glauben, sondern an den, den ich verkündige: Jesus Christus! Aber wenn ihr nur glaubt, was Helden sagen: Bitte! Dann muss ich wohl doch reden wie eurer Stars, damit ihr an Christus glaubt:

Eurer Gangsterrapper, 50 Cent, wie oft wurde gleich noch mal auf ihn geschossen? 7 mal? Toll! Da kann ich mithalten: Ich wurde 5 mal beinahe zu Tode gepeitscht, dreimal mit Stöcken verprügelt, einmal gesteinigt. Gesteinigt! Kann jemand mithalten?
Oder steht ihr mehr auf Abenteurer? Ich habe die halbe Welt bereist, dreimal Schiffbruch erlitten, 48 Stunden ohne Schwimmweste im Meer. Bin in Gefahr gewesen durch Flüsse, in Gefahr unter Räubern, in Gefahr im Großstadtdschungel, in Gefahr in Wüsten, in Gefahr auf dem Meer, in Gefahr unter falschen Brüdern; Mühe, Arbeit, Wachen, Hunger, Durst, Frost und Blöße; alles da.

Oder steht ihr mehr auf Manager? Kein Problem. Neben Gangsterrapper und Abenteurer organisiere ich weltweit die Kirche. Es gibt keine größere Organisation auf dieser Welt. Ich arbeite mehr als alle anderen, ehrenamtlich – ohne Topgehalt. Oder steht ihr mehr auf Mutter Theresa? Kein Problem. Auch da kann ich mithalten: Wem von euch ging es schon einmal schlecht und ich hab mich nicht auf seine Stufe gestellt? Wen von euch hat es nicht schon mal zerlegt. Und ich bin jedes Mal für euch eingestanden. Dessen könnte man sich noch am ehesten rühmen. Mutter Theresa selig zu sprechen, - meinetwegen – solange man über ihr nicht den vergisst, der sie wie mich dazu bewegt hat: Jesus Christus.

Gott, der Vater des Herrn Jesus, der gelobt sei in Ewigkeit, weiß, dass ich nicht lüge. Ich habe erlebt, was 50Cent, Reinhold Messner, Ackermann und Mutter Theresa zusammen erlebt haben. Scheinbar braucht ihr Heldengeschichten, um für wahr zu nehmen, was ich über Christus sage.

Oh, Entschuldigung, hab noch was vergessen: Vielleicht seid ihr ja eher die spirituellen Abenteurer. Meditation, Versenkung, siebter Himmel, Räucherstäbchen ... Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren wurde er entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann. Soweit oben war noch nicht mal der Dalai Lama. Für diesen Menschen will ich mich rühmen; Würdet ihr mir glauben, wenn ich mich auf dessen Offenbarung beriefe? Wahrscheinlich, oder?

Ich sag euch lieber nicht, wie ich zu der Botschaft kam, die ich euch verkündige. Sonst glaubt ihr noch, dass Glaube was mit Wundern und Räucherstäbchen zu tun hat. Oder dass, wer Wunder erlebt, Gott irgendwie näher steht. Ich sage euch: Wunder verführen zum Hochmut wie der Erfolg. Damit ich nicht hochmütig werde, schlägt mich immer wieder eine Krankheit wie ein Engel des Teufels, damit ich nicht meine, durch die Offenbarung sei ich etwas Besonders. Ihretwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass sie von mir weiche. Aber Gott in Jesus Christus hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Ich hoffe, ich habe euch nun genug mit Heldengeschichten genervt. Na, war's besser als der langweilige Paulus, den ihr bisher kanntet? Begreift doch endlich: Ihr sollt nicht um meinetwillen oder wegen irgendwelcher Wunder willen glauben. Vergesst mich, vergesst die Wunder! Sie sagen nichts aus über die Nähe zu Gott!

Die Botschaft, die ich verkündige, ist einfach. Glaubt sie im ihrer selbst willen. Wer oder was oder wie ich bin, spielt keine Rolle. Wichtig ist nur Christus. Schaut mich an: Sehen so Helden aus: Krummbeinig, Haarausfall, und wenn ich nicht gerade Abenteuergeschichten erzähle, schlaft ihr ein, wenn ich rede. Schaut mich an. Ich bin ein kränklicher Mensch. Sehen so Helden aus? Nein. Und doch habe ich überlebt, was euere Stars überlebt haben – nur mehr. Ich habe geschafft, was euere Helden geschafft haben – nur mehr. Ich habe geholfen, wie euere Heiligen geholfen haben – nur mehr. Ich habe Wunder geschaut, wie euere spirituellen Überflieger. Und wenn ich mich rühmen wollte, könnte ich es mit Recht; denn ich würde die Wahrheit sagen.
Aber was bringt's? Nicht ich bin wichtig, sondern Christus!

Deshalb will ich mich nicht meiner selbst rühmen, außer meiner Schwachheit, denn wenn ich schwach bin, erkennt ihr, dass nicht meine Stärke, nicht euere Stärke wichtig sind, sondern allein Christus. Denn wie ihr sicher seht, hätte ich nie überlebt, nie das erreicht, nie das geschaut durch mich selbst. Dass ich euch heute schreibe, ist einem einzigen zu verdanken: Jesus Christus. Also vergesst mich und glaubt an IHN! ER ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Jeder wird gerettet, der an diesen Jesus Christus glaubt. Weiter braucht es nichts, wie ihr an meiner jämmerlichen Person seht.

Ja, liebe Korinther, ihr habt Recht: Es geht um unser Leben. Aber das Leben besteht nicht aus Arenen. Es besteht nicht einmal aus sich selbst, sondern aus Gott. Und Gott in Jesus Christus, der selbst den Tod durchschritten hat, der wird auch dort mit euch gehen, wo euer Leben einer Arena gleicht. Gottes Kraft wird stärker sein als die Arenen dieser Welt: Euer Leben war schon immer und ist schon längst gewonnen durch Christus. Lasst euch an seiner Gnade genügen; denn seine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Vikar Michael Krauß    (Hospitalkirche Hof)

Text: 

11,18 Da viele sich rühmen nach dem Fleisch, will ich mich auch rühmen.
19 Denn ihr ertragt gerne die Narren, ihr, die ihr klug seid!
20 Ihr ertragt es, (...) wenn euch jemand ausnützt, wenn euch jemand gefangen nimmt, (...) wenn euch jemand ins Gesicht schlägt.
21 (...) Wo einer kühn ist - ich rede in Torheit -, da bin ich auch kühn. (...)
23b Ich habe mehr gearbeitet, ich bin öfter gefangen gewesen, ich habe mehr Schläge erlitten, ich bin oft in Todesnöten gewesen.
24 Von den Juden habe ich fünfmal erhalten vierzig Geißelhiebe weniger einen;
25 ich bin dreimal mit Stöcken geschlagen, einmal gesteinigt worden; dreimal habe ich Schiffbruch erlitten, einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem tiefen Meer.
26 Ich bin oft gereist, ich bin in Gefahr gewesen durch Flüsse, in Gefahr unter Räubern, in Gefahr unter Juden, in Gefahr unter Heiden, in Gefahr in Städten, in Gefahr in Wüsten, in Gefahr auf dem Meer, in Gefahr unter falschen Brüdern;
27 in Mühe und Arbeit, in viel Wachen, in Hunger und Durst, in viel Fasten, in Frost und Blöße;
28 und außer all dem noch das, was täglich auf mich einstürmt, und die Sorge für alle Gemeinden.
29 Wer ist schwach, und ich werde nicht schwach? Wer wird zu Fall gebracht, und ich brenne nicht?
30 Wenn ich mich denn rühmen soll, will ich mich meiner Schwachheit rühmen.
(...) 12,1 Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn.
2 Ich kenne einen Menschen in Christus; (...)
4 der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann.
5 Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit.
6 Und wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich nicht töricht; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört.
7 Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe.
8 Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche.
9 Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne.


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