Predigt    Apostelgeschichte 8/26-39   6. Sonntag nach Trinitatis   23.07.06

"Feuerwasser"
(Von Pfarrer Johannes Taig, Hospitalkirche Hof)

Liebe Leser,

Gestatten? Ich bin der Heilige Geist.

Ich wehe, wo ich will. Ich scheide das Licht von der Finsternis. Ohne mich läuft gar nichts, wie im Himmel, also auch auf Erden. Ich berufe, sammle, erleuchte. Die eine heilige christliche Kirche - ganz mein Werk. Ich bin ausgegossen auf alles Fleisch, um es nach Hause zu bringen in die herrliche Freiheit der Kinder Gottes. Ich bin viel unterwegs. Ich bin immer vor Ort, wo jemand nach Gott zu fragen beginnt, und wenn’s ein äthiopischer Kämmerer auf einem Wagen mitten in der Wüste ist.

Ich habe den Philippus geschickt. Nicht die Kirchenleitung. Ja, wir alle haben das neue Zukunftspapier der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) gelesen. Und wie diese Kirche in Zukunft alles managen will. Wir fanden Worte wie „Kerngeschäft“, „Kernangebote“, „Imageschaden“, „Qualitätsmanagement“, „good-practice-Orientierung“, „Angebotsorientierung“, „360-Grad-Feedback“, „Alleinstellungsmerkmal“, „Agendasetting“, „Aufwärtsagenda“, „Kundenbindungsinstrumente“, „Profilierungskompetenz“. Und bei jedem dieser Worte ging ein Gelächter von einem Ende des Himmels bis zum anderen. Gabriel wäre fast von seiner Wolke gefallen. So ist sie, die Kirche. Sie braucht immer geistliche Beratung, etwa dahingehend, dass sie ihre Zukunftspläne nicht ausgerechnet solchen Mitarbeitern anvertraut, die durch Talent und Neigung zum Kaufmannsberuf bestimmt waren, aber von einem gnadenlosen Vater zum Theologiestudium gezwungen wurden. Ja bitte, fragt sich denn keiner mehr, wie die Kirche damals zu Philippus’ Zeiten überhaupt entstehen konnte und über die Runden kam? Fragt mich denn keiner mehr?

Zugegeben, ich frage auch nicht lange. Eigentlich war der Philippus zum Diakon gewählt worden, was nicht nur damals als die erste segensreiche Strukturreform der Kirche gepriesen wurde (Apg. 6,5). Aber wo käme ich hin, wenn ich mich an kirchliche Strukturen hielte. Das widerspricht meiner Struktur. Denn ich bin die Liebe. Ich wehe wo ich will. Ich bin der Geist der Freiheit. Ich habe Philippus in die Wüste geschickt.

Gestatten, mein Name tut nichts zur Sache.

Ich bin ein Kämmerer aus dem Mohrenland. Ich hatte mal wieder meinen Urlaub in Jerusalem verbracht. Ich habe eine Schwäche für Religion. Die gibt’s überall, werden Sie sagen. Bei uns daheim hat jeder die Wohnung voll mit allerlei Schnickschnack. Ein Gott für dies und eine Göttin für das. Wozu der Mensch sie halt braucht: Erfolg und Gesundheit und die große Liebe. Das ist ein Glaube, der jedenfalls für mich fast schon eine Beleidigung des gesunden Menschenverstandes ist. Aberglaube halt. Scheinglaube. Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde.

Der Tempel in Jerusalem ist was Anderes. Die Juden glauben an einen Gott. Einen großen und unnahbaren Gott, der redet durch seine Propheten: sperrig, kritisch, vollmächtig. Ein Gott der aneckt im eigenen Volk. Das ist mal was Anderes als die Gottchen, die den Menschen angeblich alle Wünsche erfüllen. Das hat mich neugierig gemacht. Und dann habe ich sie mir gekauft. Eine Rolle mit dem ganzen Propheten Jesaja. Und auf dem Heimweg saß ich auf meinem Wagen und las den Propheten Jesaja, laut und immer wieder. So lernte ich Philippus kennen. Keine Ahnung, wo der herkam. Den schickte der Himmel. Nicht nur, dass er sich mit Jesaja auskannte. Er wusste auch, was der Prophet Jesaja da prophezeit hatte und dass manches gerade erst in Erfüllung gegangen war. Der große und unnahbare Gott war ein Mensch geworden, der Jesus von Nazareth hieß und genauso sperrig, kritisch und vollmächtig war, wie er selber. Deshalb hatte man ihn an ein Kreuz geschlagen und in ein Grab verbannt. Aber dort ist er nicht geblieben. Ich hörte gebannt zu, was dieser Philippus erzählte, und es passte genau zu dem, was ich bei Jesaja gelesen hatte. Fast hätte ich vergessen, den Philippus auf meinen Wagen zu bitten. Aber wir haben auch bald angehalten.

Ein Jude konnte ich niemals werden. Aber zu diesem Jesus und seiner unglaublichen Geschichte kann man gehören. Taufe hat Philippus das genannt. Taufe mit Wasser und Geist. Taufe mit dem Geist dieses Jesus Christus und mit Wasser von dieser Welt. Sie glauben es nicht: Wir haben Wasser gefunden, mitten in der Wüste. Wenn das kein wunderbares Zeichen ist. Und so bin ich als Christ aus dem Urlaub zurückgekommen. Nicht nur gut erholt, sondern fröhlich. Denn meine Jesajarolle war jetzt wirklich meine Jesajarolle. Was da drin stand, es galt auch für mich.

Gestatten, ich bin Philippus.

Feierlich vor kurzem zum Diakon berufen zur Entlastung der Prediger. Zuständig für die Armenspeisung und den Tischdienst allgemein. Und Sie sehen ja selbst, wo ich mich gerade befinde. Ich laufe mitten in der Wüste am Wagen eines schwarzen Mannes, der laut aus dem Propheten Jesaja liest, und endlich auf die Idee kommen könnte, mich auf den Wagen zu bitten. Dann erkläre ich ihm alles. Diakon hin Prediger her. Ich kann mir schon vorstellen, was Petrus sagen wird, wenn ich heimkomme. Er wird die Augenbrauen hochziehen und süffisant fragen, welche Ausrede mir diesmal wieder einfällt, vielleicht der Heilige Geist? Petrus hält viel von klaren Strukturen und mit Kirche kennt er sich aus. Du bist von der Gemeinde gewählt und der Tischdienst ist dein Kerngeschäft, wird er sagen, basta! So ist die katholische Kirche entstanden.

Aber vielleicht wird es ihn milde stimmen, wenn ich ihm von der Taufe erzähle und von dem ersten Christen in Äthiopien. Petrus wird mich sicher fragen, ob ich ihn auch genügend darüber aufgeklärt habe, was er als Christ nun zu tun und zu lassen hat. Und ich werde ihm ehrlich antworten, dass ich dazu gar nicht mehr gekommen bin, weil der Heilige Geist schon wieder den nächsten Termin für mich gemacht hatte. Nein, ich werde mir einen anderen Grund einfallen lassen und mir sein Kopfschütteln anschauen: Philippus, Philippus, das Wichtigste hast du wieder vergessen!

Gestatten noch mal, der Heilige Geist.

Ich wehe, wo ich will. Ich bin viel unterwegs. Damit zusammenkommt, was zusammengehört: Himmel und Erde, Feuer und Wasser, Gottes Geist und des Menschen Geist, Schöpfer und Geschöpf. Vieles gehört zusammen, auch wenn ihr dachtet, es gehört nicht zusammen und es kann zusammen nicht kommen. Für Euch mag das gelten, aber nicht für mich.

Auch du bist getauft auf meinen Namen? Deshalb gehören wir zusammen. Mit Wasser bist du getauft und mit Feuer von meinem Feuer. Feuerwasser der besonderen Art. Es macht nicht besoffen, sondern klar. Denn ich bin der beste Freund des gesunden Menschenverstandes, der offenen Augen und Ohren, gerade für die Gottlosen, für die Verlorenen, für die Seufzenden, für die Unterdrückten und Ausgebeuteten. Ich bin gekommen zu suchen und selig zu machen, was verloren ist; sie alle nach Hause zu bringen ins himmlische Vaterland. Du bist getauft auf meinen Namen? Dann gehören wir schon zusammen, wie Feuer und Wasser, wie Gottesgeschichte und Weltgeschichte, wie die Geschichte des Christus und deine Lebensgeschichte. Unwiderstehlich und immer enger laufen sie aufeinander zu. Darum zieh deine Straße fröhlich. Gute Reise und Amen.
 

Pfarrer Johannes Taig    (Hospitalkirche Hof)
(weitere Predigten von Pfarrer Taig finden Sie exklusiv unter www.kanzelgruss.de)

Text: 

(26)Aber der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und öde ist.
(27)Und er stand auf und ging hin. Und siehe, ein Mann aus Äthiopien, ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien, welcher ihren ganzen Schatz verwaltete, der war nach Jerusalem gekommen, um anzubeten.
(28)Nun zog er wieder heim und saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja.
(29)Der Geist aber sprach zu Philippus: Geh hin und halte dich zu diesem Wagen!
(30)Da lief Philippus hin und hörte, dass er den Propheten Jesaja las, und fragte: Verstehst du auch, was du liest?
(31)Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen.
(32)Der Inhalt aber der Schrift, die er las, war dieser (Jesaja 53,7-8): »Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf.
(33)In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen.«
(34)Da antwortete der Kämmerer dem Philippus und sprach: Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem?
(35)Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit diesem Wort der Schrift an und predigte ihm das Evangelium von Jesus.
(36)Und als sie auf der Straße dahinfuhren, kamen sie an ein Wasser. Da sprach der Kämmerer: Siehe, da ist Wasser; was hindert's, dass ich mich taufen lasse?
(37)»Philippus aber sprach: Wenn du von ganzem Herzen glaubst, so kann es geschehen. Er aber antwortete und sprach: Ich glaube, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist.«
(38)Und er ließ den Wagen halten, und beide stiegen in das Wasser hinab, Philippus und der Kämmerer, und er taufte ihn.
(39)Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus, und der Kämmerer sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Straße fröhlich.


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