Predigt    Hebräer 4/14-15    Invokavit (1.Sonntag der Passionszeit)    29.02.04

"Er singt Liturgie des Lebens ..."
(von Vikar Michael Krauß, Hospitalkirche Hof)

Liebe Leser,

der Hebräerbrief ist ein schwieriger Text. Er verwendet Begriffe wie Hoher Priester, Himmel durchschreiten, Sünde und Gnade. Begriffe, die wir nicht aus sich heraus verstehen. Denn sie sprechen in eine Welt, die uns heute fremd geworden ist. Der Hebräerbrief wendet sich an Christen, die tief im Judentum verwurzelt sind. Wir müssen deshalb unser Augenmerk auf das Alte Testament richten, um zu verstehen, was uns das Neue Testament im Hebräerbrief zu sagen hat. Jesus wird unser großer Hoher Priester genannt.

Sehen wir also nach im Alten Testament: Dort vermittelt der Hohe Priester zwischen Gott und den Menschen. Im Leben geht es ja meist um das rechte Verhältnis, das gute Maß. Also auch im Verhältnis zwischen Gott und den Menschen und zwischen Menschen. Der Gehorsam Gott gegenüber ermöglicht nach jüdischem und christlichem Verständnis das gedeihliche Zusammenleben von Menschen. Die Bibel hat einen klaren Blick dafür, was gedeihliches Leben zerstört. Sie nennt Zerstörerisches Sünde und meint damit alles, was die Beziehungen zwischen Menschen untereinander, mit sich selbst und mit Gott zerstört.

Wenn Menschen die Beziehung zu anderen aufkündigen, weil sie nur noch sich selbst sehen, wenn sie andere zu Opfer und sich zu Tätern machen - oder umgedreht sich als Opfer darstellen und andere damit zu Tätern stilisieren. Wenn sie nach Schuldigen fahnden, statt nach Gründen suchen. Wenn sie über ihr Leben und das Leben anderer und damit über ihren Schöpfer hinwegwalzen. Dann opfern sie der Sünde in den schwarzen Messen des Alltags.

Wir kennen viele solcher Opfer, bei denen Menschen mit ihrem ganzen Leben betroffen sind: Verkehrsopfer, Kriegsopfer, Missbrauchsopfer, Katastrophenopfer, Armutsopfer und viele mehr. Legionen von zerschlagenen Menschen erstehen hier vor unserem geistigen Auge. Und sicher würden Sie sich bald die Ohren zuhalten, wenn ich fortfahren würde. Denn diese Aufzählung erzählt von widerwärtigem Tod und Leid, vom Opfer an die Götzen des Verkehrs und der Schnelligkeit, an die Götzen der Gewalt, des Egoismus, des Reichtums und der Perversion, dem Götzen des gewaltsamen Todes. Unsere Welt ist voller Opfer, die solchen Götzen dargebracht werden. Ein Plakat, das zur Zeit an vielen Straßenrändern hängt, listet es geradezu auf: Rasen tötet: Eltern, Freunde, Verwandte, Kinder .... und uns selbst. Das ist Sünde. Ihre Folgen sind nicht einfach so wegzuwischen. Sünde hinterlässt Spuren.

Die Bibel nimmt dies, wie gesagt, sehr ernst. Sünde hat den Tod zur Folge. Sie fordert ihre Opfer. Und sie drückt beide nieder: Täter und Opfer. Sie entfremdet Menschen von sich selbst. Letztendlich ist sie Entfremdung von Gott, der ein Gott des Lebens in Gemeinschaft ist. Das entspricht auch unserer Erfahrung. Wenn es Opfer zu beklagen gibt, scheint Gott weit weg zu sein. Plötzlich scheint es so, als hätte Gott die Beziehung aufgekündigt. Ganze Chöre aus biblischen Personen lassen sich zusammenstellen, die es für uns hinausschreien, wenn es uns die Stimme verschlagen hat: „Warum verbirgst du dich, Gott?“ Hiob, einer der lauten aus diesem Chor, dessen Kinder getötet, dessen Besitz zerstört und dessen Körper von Krankheit zerfressen ist, klagt Gott an: „Warum versteckst du dich wie hinter Wolken?“

Hinter Vorhängen wie hinter Wolken verborgen, durch Vorhöfe abgeschirmt, befand sich in alttestamentlicher Zeit das Allerheiligste im Tempel. Der Hohe Priester wagte es gerade einmal im Jahr, an einem festgesetzten Tag, nach langwieriger Vorbereitung die Vorhänge zum Allerheiligsten zur Seite zu schieben, quasi durch die Himmel zu gehen, dorthin, wo die Bundeslade stand. Dorthin, wo über der Lade, unsichtbar, Gott selbst thronte. Er ging durch die Vorhänge des Himmels mit einer Metallplatte auf der Brust, in die zwölf Edelsteine eingelassen waren. Zwölf Edelsteine für die zwölf Stämme Israels, wie Jesus mit zwölf Jüngern herumzog. Mit dem Hohen Priester ging also symbolisch die gesamte Gemeinde, das gesamte Volk Israels ins Heiligtum. Der Hohe Priester ging stellvertretend für das Volk durch die Vorhänge ins Allerheiligste und begegnete dort Gott. Er brachte die Sünde des Volkes vor Gott und bat um Vergebung.

Und da spricht es für den Realitätssinn der damaligen Menschen, dass sie dabei ein Tier töteten, als Zeichen dafür, dass die Folgen der Sünden nicht einfach weggewischt werden können. In der Tötung des Tieres wurde deutlich, dass Sünde tötet. Eltern, Freunde, Verwandte, Kinder .... und uns selbst. Aber Gott ließ die Folgen der Sünde an den Menschen vorübergehen. Tot lag das Tier da, nicht der Mensch. Man verstand Gottes Vergebung. Ein Aufatmen mag damals durch die Reihen gegangen sein. Denn wer konnte schon wissen, ob Gott diesmal hinter dem Vorhang gnädig auf sein Volk blicken würde und nicht Pech und Schwefel regnen ließ oder die Erstgeburt tötete, oder ... Er hielt sich ja bedeckt. Zumindest schien es so, wie es uns heute auch manchmal erscheint. Durch alle Zeiten haben Menschen nach Gott geschrieen, wenn sie plötzlich scheinbar beziehungslos in ihrem Leben hingen. Sich selbst und der Welt entfremdet. Durch eigene oder fremde Schuld von sich selbst, Gott und der Welt verlassen. Sie schrieen in ihrer Einsamkeit nach Gemeinschaft.

Und Gott erhörte ihr Rufen, wie der Psalmist singt (Ps 22). In Jesus dem Christus machte Gott sich auf zur Welt und sogar durch die Vorhänge des Tempels. Und wohnte als Mensch unter Menschen. Er litt mit uns unter Sünde. Er litt mit unseren Schwachheiten. Er wurde versucht in allem wie wir, doch ohne Sünde. Er ging mit uns durch alles Leid der Welt, trug alle Folgen unserer Sünde bis in den Tod. Er bat um Vergebung für die Täter und stellte sich an die Seite der Opfer in die scheinbare Gottesferne. "Und nach der sechsten Stunde ward eine Finsternis über das ganze Land bis um die neunte Stunde. Und um die neunte Stunde rief Gott laut: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Gott schrie laut und starb mit den Verlassenen. Und der Vorhang im Tempel zerriss von obenan bis unten aus. Der Hauptmann aber, der dabeistand ihm gegenüber und sah, dass er mit solchem Geschrei verschied, sprach: Wahrlich, das ist unser Gott! " (Mt. 27/45ff)

Sicher haben Sie die Worte aus der Kreuzigungserzählung erkannt. Der Vorhang vor dem Allerheiligsten, der Gott verbarg, ist zerrissen. Der Weg ist frei. Gott ist kein ferner Gott mehr. Er hat sein Wesen als Mensch offenbart. Der Hauptmann spricht es aus: Das ist unser Gott. Unser Gott ist sein eigener Hoher Priester, der sich selbst den Schleier vom Gesicht nimmt und uns zeigt, wer er ist. Ein Gott, der mit leidet und die schlimmen Folgen der Sünde an sich austoben lässt. Damit wir wieder leben können. Der Weg zu Gott ist frei. Für alle! Nicht wir machen durch was auch immer den Weg frei, sondern er selbst macht den Weg zu sich frei- ein für alle mal.

Halten wir daran fest! Und lassen wir uns immer wieder die Augen öffnen, wenn unser Blick der Wahrheit ausweichen will, und wir wieder mal Gas geben in unserem Leben und darüber hinwegbrausen. Im Glauben dem Paradies entgegenzurasen, vermeintlich dem Sinn unseres Lebens auf der Spur. Nicht wir machen den Weg frei!, soviel Gas wir auch geben. Er macht den Weg frei zum Leben- selbst für die Toten.

Er nahm auf sich alle Schuld, alles, was Leben zerstört. Er wurde Opfer der Raserei dieser Welt. Und mit ihm werden auch alle auferstehen, die wie er zerschlagen wurden. Er bat auch für die Täter um Vergebung. Und wird einst abwischen alle Tränen. Jesus Christus unser großer Hoher Priester hat die Himmel durchschritten und den Weg frei gemacht für alle, die unter der Sünde leiden. Nichts kann Menschen mehr trennen von der liebenden Gemeinschaft Gottes. Denn unser Hoher Priester Jesus Christus singt die Liturgie unseres Lebens, heute, morgen und in alle Ewigkeit. Er singt die schönsten Worte, die schönsten Worte die die Welt je gehört hat (Mt. 5/3ff.):

3 Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihnen gehört das Himmelreich.
4 Selig sind, die da Leid tragen; sie sollen getröstet werden.
5 Selig sind die Sanftmütigen; sie werden das Erdreich besitzen.
6 Selig sind, die hungert und dürstet nach Gerechtigkeit; sie sollen satt werden.
7 Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
8 Selig sind, die reines Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.
9 Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.
10 Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn das Himmelreich ist für sie.

Das sind die Gesänge des Gottesdienstes, in dem Jesus Christus Gemeinschaft mit uns feiert. Die Gesänge des Lebens, das er uns schenkt. Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, auf dass wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.

Vikar Michael Krauß    (Hospitalkirche Hof)

Text: 

(14) Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis.
(15)Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde.
(16)Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.


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