Predigt     Jeremia 20/7-13     Okuli    03.03.13

"Der Schrecken Gottes"
(von Pfarrer Johannes Taig, Hospitalkirche Hof)

Liebe Leser,

Sören Kierkegaard schreibt in seiner philosophisch-literarischen Schrift „Die Wiederholung“:

„Weh dem! der Witwen und Waisen frißt und sie um ihr Erbe betrügt, aber wehe auch dem! der den Trauernden auf subtile Weise um den einstweiligen Trost der Trauer, sich Luft zu machen und mit Gott zu hadern, betrügen will. Oder ist die Gottesfurcht in unserer Zeit vielleicht so groß, daß der Trauernde die Dinge nicht braucht, die in jenen alten Tagen Sitte waren? Wagt man vielleicht nicht, vor Gott zu klagen? Ist also die Gottesfurcht größer geworden oder die Furcht und die Feigheit? Heutzutage meint man, der eigentliche Ausdruck der Trauer, die verzweifelte Sprache der Leidenschaft müsse den Dichtern überlassen bleiben, die nun, wie Winkeladvokaten bei einem erstinstanzlichen Gericht, vor dem Richterstuhl des menschlichen Mitleids die Sache des Leidenden vertreten. Weiter wagt sich niemand. Sprich du deshalb, unvergeßlicher Hiob!‘

Natürlich haben Christen ihren Protest gegen Gott formuliert, doch spielte dieser Affekt weder in der christlichen Theologie noch in der liturgischen Praxis der Kirche eine Rolle. Hiob, so bemerkte Immanuel Kant‚ würde wahrscheinlicher Weise vor einem jeden Gerichte dogmatischer Theologen, vor einer Synode einer Inquisition, …, oder einem Oberkonsistorium, ein schlimmes Schicksal erfahren haben.‘ Die Hintergründe und Ursachen dieser Verdrängung sind inzwischen mehrfach untersucht worden, und in den letzten Jahren finden sich insbesondere in Deutschland manche Ansätze für eine christliche Theologie, die die Auflehnung gegen Gott als Moment der Frömmigkeit anerkennt und die Klage für die Liturgie zurückzugewinnen sucht, so bei … Johann Baptist Metz: ‚Ist womöglich zu viel Gesang und zu wenig Geschrei in unserem Christentum? Zu viel Jubel und zu wenig Trauer, zu viel Zustimmung und zu wenig Vermissen, zu viel Trost und zu wenig Tröstungshunger?‘ fragt Metz: ‚Steht die Kirche nicht zu sehr auf der Seite der Freunde Hiobs selbst, der dem Glauben auch Rückfragen an Gott zugetraut hat?‘“ (zitiert bei Navid Kermani, Der Schrecken Gottes, Beck 2011)

Wie wir im Predigttext gehört haben, steht Hiob in der Bibel nicht allein. Ihm zur Seite steht der Prophet Jeremia, der 40 Jahre lang Gott seinen Mund geliehen hat und dafür nicht nur seinen Kopf, sondern seine gesamte Existenz hinhalten musste. Rilke hat seine Worte als Gedicht geschrieben:

„Welchen Mund hast Du mir zugemutet,
damals, da ich fast ein Knabe war:
eine Wunde wurde er: nun blutet
aus ihm Unglücksjahr um Unglücksjahr.

Täglich tönte ich von neuen Nöten,
die du, Unersättlicher, ersannst,
und sie konnten mir den Mund nicht töten;
sieh du zu, wie du ihn stillen kannst.“
(Rilke, Die Gedichte, Frankfurt 1986, S. 188)

Gott hat Jeremia getäuscht und betrogen. Und Jeremia sagt es Gott ins Gesicht. Jeremia schmeißt ihm die Brocken hin. Jetzt ist Gott am Zug. Denn eins dürfen wir nicht übersehen: Die wüste Anklage, die Jeremia Gott entgegenschleudert, ist etwas anderes als der flache und beleidigte Atheismus der Zeitgenossen, die sich von Gott abwenden, weil der Glaube ihnen nicht das bringt, was sie sich von ihm versprochen haben. Jeremia sagt es selbst: „Da dachte ich: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, dass ich's nicht ertragen konnte; ich wäre schier vergangen.“ Ja, wo soll man sich denn hinwenden, mit seinem Schmerz, mit seiner Enttäuschung, mit seiner Wut, mit seiner Trauer, wenn nicht an den Gott, der der Grund von allem ist? Das ist die Krux des Glaubens an den einen Gott, dass es keinen anderen gibt! Und so bleibt auch Jeremia, in dessen Herz die Sehnsucht nach Gott durch alles Leid kein bisschen kleiner, sondern umso größer geworden ist, die Flucht in den Atheismus verbaut. Ihm bleibt nur die Häresie, die die Kirche bekämpft, aber mit der Gott – wir ahnen es - ganz anders umgeht.

Von Menschen wie Hiob und Jeremia gilt vielmehr, was der Orientalist Navid Kermani in seinem Buch „Der Schrecken Gottes“ schreibt: „(Sie) verlieren nicht den Glauben an Gott, wenn sie gegen Ihn aufbegehren; in ihrer Verzweiflung sind sie religiöser als die Gläubigen, die Gott preisen, aber vor den realen Verhältnissen Seiner Schöpfung die Augen verschließen. Die über das übliche Maß lieben, wagen es, den Gott einzufordern, wie Er sich selbst offenbart hat. Schließlich hat Gott seine Wette gegen Satan nicht verloren: Daß Hiob gegen Gott rebelliert, bedeutet nicht, daß er Ihn leugnet. Ungehorsam wird hier zu einem Akt der Fügung, denn indem der Mensch sich von Gott emanzipiert, wird er gottgefällig.“ (Kermani aaO.)

Das Judentum, besonders die chassidische Tradition, hat es gewusst, die islamische Mystik hat es gewusst, aber das moderne Christentum, das aufgeklärt sein will, will davon nichts mehr wissen. Man kann und will mit solchem Dunkel nichts mehr anfangen. Da wundert es nicht, dass dieser Tage das Hauptthema der Christenheit der Rücktritt eines 85jährigen Papstes ist, den man aus guten Gründen für einen ernsthaften Christenmenschen halten kann, und der sich nun in einen luxuriösen Ruhestand verabschiedet. Und man muss nicht einmal ein evangelischer Prophet sein, um klar und deutlich zu sehen und zu sagen, dass uns dadurch gar nichts fehlt und dass wir Evangelischen vom neuen Papst nicht das Geringste erwarten, weil wir weder einen Stellvertreter Christi auf Erden brauchen, noch eine Kirche, die sich als Heilsvermittlerin zwischen Gott und die Menschen stellt.

Aber nicht einmal eine solch einfache evangelische Wahrheit ist unter den Protestanten dieser Tage noch erschwinglich, weil die sich inzwischen lieber um ihr Publikum, statt um Gott und sein Wort kümmern. Alles wird passend gemacht, sogar Martin Luther und die Toleranz. Wie niederschwellig, flach und beliebig muss denn unser Glaubenszeugnis vor der Welt noch werden? Wie lange wollen wir uns denn die Gewalt noch gefallen lassen, mit der uns Kirchenleitungen ihre platten Marketingkonzepte und Strukturreformen vorschreiben, weil angeblich nur so die Kirche wieder erfolgreich werden kann? Kierkegaard hat recht, und jeder kann es sehen: Hier ist nicht die Gottesfurcht größer geworden, sondern die Angst und die Feigheit. Wer sich und andere zum Erfolg verdammt, wird blind und taub für das Evangelium.

Vor allem für das Evangelium des Christus, dessen Leben auf dieser Welt kein Triumphzug war, sondern am Kreuz mit einem Schrei aus der Gottverlassenheit endete. Wir tun in dieser Passionszeit gut daran, das Leiden des Christus einmal mit den Augen und Ohren eines Hiob oder eines Jeremia zu hören und zu betrachten. Die hätten bestimmt nicht geschmacklich beleidigt auf diesen Leidensweg geschaut und nach Tilgung dieser Geschichte aus dem christlichen Repertoire gerufen, sondern den Weg des Christus mit höchster Aufmerksamkeit verfolgt. Die hätten wahrgenommen, wie Jesus auf dem Weg nach Jerusalem die Armen am Straßenrand nicht mit frommen Sprüchen abspeist, sondern gesund macht. Die hätten verstanden, das Jesus in Gethsemane vor lauter Angst Blut schwitzt. Die hätten gebetet, als der Christus stirb, die letzte Häresie auf den Lippen. So fuhr er zur Hölle. Und dann war Gott am Zug.

„Rabbi Mosche Löb, über dessen Sanftmut die kuriosesten Geschichten erzählt werden, schwor, nach dem Tod so lange in der Hölle auszuharren, bis er alle Bewohner der Hölle mitnehmen könne. … Für den Psalmvers ‚Wohl dem, den du, Herr, züchtigst‘ (Ps. 94,12) bevorzugte der Rabbi eine andere Lesart: ‚Wohl dem, der wagt, Gott zu züchtigen.‘ Als in einer Familie mehrere Kinder in frühem Alter starben, wandte sich die Mutter an die Frau des Rabbi: ‚Was für ein Gott ist denn der Gott Israels? Er ist grausam und nicht barmherzig. Er nimmt, was Er gegeben hat.‘ So dürfe man nicht reden, wiegelte die Frau des Rabbi ab; unergründlich seien die Wege des Herrn, der Mensch müsse lernen, sein Schicksal anzunehmen. In diesem Augenblick erschien Rabbi Löb auf der Türschwelle und rief der trauernden Besucherin zu: ‚Und ich sage dir, Frau, man muß es nicht annehmen! Man muß sich nicht unterwerfen. Ich rate dir, zu rufen, zu schreien, zu protestieren, Gerechtigkeit zu fordern, verstehst du mich, Frau? Man darf es nicht annehmen!‘“(Kermani, aaO.)

Denn dann ist Gott am Zug!

Pfarrer Johannes Taig    (Hospitalkirche Hof)
(weitere Predigten von Pfarrer Taig finden Sie exklusiv unter www.kanzelgruss.de)

Text:

7 HERR, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich.
8 Denn sooft ich rede, muss ich schreien; »Frevel und Gewalt!« muss ich rufen. Denn des HERRN Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich.
9 Da dachte ich: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, dass ich's nicht ertragen konnte; ich wäre schier vergangen.
10 Denn ich höre, wie viele heimlich reden: »Schrecken ist um und um!« »Verklagt ihn!« »Wir wollen ihn verklagen!« Alle meine Freunde und Gesellen lauern, ob ich nicht falle: »Vielleicht lässt er sich überlisten, dass wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen.«
11 Aber der HERR ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen. Sie müssen ganz zuschanden werden, weil es ihnen nicht gelingt. Ewig wird ihre Schande sein und nie vergessen werden.
12 Und nun, HERR Zebaoth, der du die Gerechten prüfst, Nieren und Herz durchschaust: Lass mich deine Vergeltung an ihnen sehen; denn ich habe dir meine Sache befohlen.
13 Singet dem HERRN, rühmet den HERRN, der des Armen Leben aus den Händen der Boshaften errettet!
 


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