Predigt    Jesaja 43/19    Jahreslosung 2007    31.12.2006

"Aufs Neue!"
(
Von Pfarrer Johannes Taig, Hospitalkirche Hof)

Liebe Leser,

wer am letzten Abend des alten Jahres das neue mit dem üblichen besinnungslosen Karacho und unter Zuhilfenahme der Jahreslosung in den Blick nimmt, ist in der Gefahr, dem Knick in der eigenen Optik und in der Optik des Zeitgeistes auf den Leim zu gehen.

„Neues“, so heißt bekanntlich das Computermagazin auf 3sat. „Neues“, das klingt so innovativ. „Neues“ das ist es, wonach alles giert, wenn es mit der Wirtschaft aufwärtsgehen soll. Neue Produkte braucht das Land. „Neues“ heißt der Fetisch unserer Zeit und alle Welt tut alles, um sich auf diesem Gebiet global zu übertakten. Das sieht und erkennt wirklich jeder. Und eine chronisch schrumpfende Kirche hängt sich hintendran und beschwört im Zukunftspapier der EKD den unbedingten Willen zum Wachstum. Erreicht werden soll das durch „missionarische Innovationskompetenz“, als wäre in der Kirche wie in der Wirtschaft, im Himmel wie auf Erden nur das Neue heilbringend und seligmachend.

Da muss dann in der Kirche wie in der Wirtschaft auf die Zahlen geschaut werden. Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn man nicht wenigstens ein paar Zahlen finden würde, die uns von der Wahrheit der Jahreslosung überzeugen könnten. Hurra, es gibt auch bei uns Neues und Wachstum. Deshalb sollen wir in der Kirche wie in der Wirtschaft mit Optimismus in die Zukunft schauen und nicht vermeintlich guten alten Zeiten nachhängen.

Die Sache hat nur zwei Haken. Erstens hatte das Volk Israel im fünfzigjährigen babylonischen Exil, aus dem die Worte der Jahreslosung stammen, keine gute alte Zeit, der es nachhängen konnte. Wie das ganz früher in Israel war, wissen die Jungen nur noch aus den Erzählungen der Alten, die das Exil als Strafe Gottes für das, was früher war, begriffen. Die Auforderung des Jesaja des Vergangenen nicht länger zu gedenken, ist also ehr die Aufforderung sich von böser Erinnerung zu trennen.

Zum zweiten ist es geradezu abenteuerlich anzunehmen, Jesaja denke in den Innovationskategorien unserer modernen Wirtschaft, der es um Wachstum um jeden Preis geht. Er hätte sich vermutlich totgelacht über die Vorstellung, Gott wäre in diesem Sinn innovativ. Einer Kirche, die Gott als Glied in der Kette ihrer eigenen Begründungszusammenhänge missbraucht, hätte er wohl nur diesen Satz gesagt: Gott lässt sich nicht spotten. Einer Kirche, die wieder wachsen wollen will, würde Jesaja empfehlen, sich erst einmal an den zu wenden, der sich mit so was auskennt, und der der Souverän des Lebens schlechthin ist. Was könnte eine unbedingt wachsen wollende Kirche schon tun, wenn Gott sie hier nicht länger haben will?

Dass Jesaja Gott hier als den Souverän des Lebens schlechthin sieht, macht der Vers deutlich, der auf die Jahreslosung folgt: „Das Wild des Feldes preist mich, die Schakale und Strauße; denn ich will in der Wüste Wasser und in der Einöde Ströme geben, zu tränken mein Volk, meine Auserwählten.“ (Jesaja 43,20) Wenn wir sagen, Gott denkt und Gott redet, dann tut er das nicht in den Kategorien der menschlichen Wirtschaft, sondern in den Kategorien des Lebens. Und nicht nur in den Kategorien des menschlichen Lebens, sondern in denen der ganzen lebendigen Welt.

Der Christus tut das übrigens auch, wenn er uns in der Bergpredigt die Vögel des Himmels zeigt und die Lilien auf dem Felde. Vom Feigenbaum erzählt er uns und von der selbstwachsenden Saat. Gott ist sich nicht zu schade in solch begrenztem Rahmen vom Himmelreich zu erzählen. Das sind schon wir, die in grenzenloser Selbstentgrenzung über diese Erde trampeln und alles niedermachen, was unseren Innovationen und unserem angeblichen Erfolg im Weg steht. Etwas zu wissen über die lebendige Welt, von und in der wir leben, scheint uns nur interessant, wenn wir damit etwas zu unserem Nutzen machen können. Sogar in der Kirche, die es doch besser wissen müsste.

Der Biologe, Anthropologe und Psychologe Gregory Bateson wurde einmal zu einem Gebetsfrühstück in den Kongress geladen und sagte dort Folgendes:

„Hiob, Sie werden sich erinnern, gleicht ein bisschen Little Jack Horner. Er steckt seinen Finger in den Kuchen und gibt den Armen und sagt: Was bin ich doch für ein guter Junge. Er hat einen Gott, der genauso ist wie er und sich deshalb Satan gegenüber mit Hiobs Rechtschaffenheit brüstet. Satan … macht sich daran zu beweisen, dass Hiobs Frömmigkeit in Wirklichkeit nicht viel wert ist. Schließlich, nach unendlichen Leiden, spricht ein Gott, der viel weniger fromm und pedantisch ist, aus dem Wettersturm und hält Hiob drei Kapitel lang die außerordentlichste Predigt, die jemals geschrieben wurde, und in der er ihm vorhält, dass er von Naturgeschichte keine Ahnung hat.

„Weißt du die Zeit, wann die Gämsen gebären, oder hast du aufgemerkt, wann die Hirschkühe kreißen? Zählst du die Monde, die sie erfüllen müssen, oder weißt du die Zeit, wann sie gebären? Sie kauern sich nieder, werfen ihre Jungen und werden los ihre Wehen. Ihre Jungen werden stark und groß im Freien ...“ (Hiob 39, 1-4)

Das also war es, was ich den versammelten Politikern und Würdenträgern bei dem Gebetsfrühstück erzählte. Ich schloss mit der Bemerkung, dass mir sehr viel wohler wäre bei dem Gedanken an die Welt, in der ich lebe, und daran, wie meine Zivilisation die Welt behandelt - die ganze Umweltverschmutzung und Ausbeutung, die sie betreibt, und alles übrige - wenn ich wirklich das sichere Gefühl hätte, dass meine Gouverneure und Volksvertreter wüssten, wie viele Monde die Hirschkühe erfüllen müssen und wie sie ihre Jungen werfen.“ (Gregoy Bateson, „Wo Engel zögern“, Suhrkamp, 1993, S. 109f.)

Gott spricht: Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr's denn nicht? Vor dem Hintergrund der Worte von Gregory Bateson hat das auf einmal einen ganz anderen Klang. Wie blind muss das moderne Gottesvolk sein, das sich kritiklos Handlungsanweisung bei der modernen Wirtschaft holt. Dabei müsste die Kirche es doch besser wissen. Besser wissen, dass sie als Kirche selbst ein lebendiger Leib ist, wie Paulus schreibt. (1. Korinther 12) Was heißt „Strukturwandel“ in einem lebendigen Organismus? Was heißt kluge Haushalterschaft in einem lebendigen Wesen? Gibt Jesus nicht selbst die Antwort in Matthäus 20 mit dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, die trotz ungleicher Arbeitszeit jeder erhalten, was sie zum Leben brauchen?

Wäre es nicht vordringliche Aufgabe einer Kirche, statt das eigene Wachstum zu proklamieren, denen in der Wirtschaft in den Arm zu fallen, die sich jeder Verantwortung für das Leben entziehen und ihre Milliarden um den Globus schicken, damit sie sich um jeden Preis vermehren? Wäre es nicht vordringliche Aufgabe der Kirche, die zu ermahnen, die nur noch die Rendite ihrer Geldgeber im Auge haben und dabei über Leichen gehen? Wäre es nicht unsere Aufgabe als Christen, den lieben Nachbarn und Mitmenschen einmal aufzuklären, wenn er sich wieder mit seinen tollen Investments brüstet, die ihm sagenhaften Gewinn eingebracht haben, und der gar nicht weiß, dass sein Geld jetzt Leuten gehört, die längst dabei sind, vielleicht bald schon seinen eigenen Arbeitsplatz platt zu machen? Sollte man es da als Christenmensch nicht aushalten können, mit einer solide verzinsten Anlage auch einmal als Blödmann dazustehen?

Wäre es nicht vordringliche Aufgabe der Kirche, darauf hinzuweisen, dass Eigentum verpflichtet? Dass auch die Wirtschaft keinen anderen Zweck hat, als dem Leben zu dienen? Solches Wirtschaften gibt es ja, Gott sei Dank, auch. Nachhaltigkeit zeichnet es aus. Was Gewachsenes halt. In diesem Jahr hat der Wirtschaftswissenschafter Mohammed Junus aus Bangladesch den Friedensnobelpreis für die Gründung seiner Grameen Bank erhalten, die Kleinstkredite an Arme vergibt. Da wuchs und wächst etwas Kleines und Neues schon seit dreißig Jahren und alle Welt hat’s endlich gesehen. Wie schön! Daran hätte auch ein Jesaja seine Freude.

Und noch mehr an einer Kirche, die sich in ihrem Planen nicht an Kategorien der Wirtschaft, also der Ökonomie, sondern an Kategorien der lebendigen Welt, also der Ökologie orientiert. Dazu muss man kein Grüner sein. Ökologie ist ein wissenschaftliches Fach. Man kann es studieren.

Freude hätte Gott an einer Kirche, die sich als lebendiger Organismus in einer lebendigen Welt begreift, der sich, wie die lebendige Welt, eben nicht sich selbst verdankt. Gott schafft das Leben. Er lässt das Neue aufwachsen. Und das heißt bei Gott nicht Innovation. Gott lässt das Neue als neues Leben „aufs Neue“ aufwachsen. Jeden Frühling zum Beispiel sehen wir’s mit eigenen Augen. Wer Gott dabei, um einer besseren Ernte willen, auf die Sprünge helfen will, gleicht dem Bauern, der inmitten der aufgegangenen Saat herumtrampelt und an den Pflänzchen zieht. Das ist die beste Art die Ernte zu ruinieren. Es ist mir schleierhaft, wie eine Kirche glaubwürdig bleiben kann, die sich mit guten Gründen gegen den menschlichen Eingriff ins werdende Leben stark macht und gleichzeitig die Entwicklung des werdenden kirchlichen Lebens mit allerlei Methoden und Mittelchen in die gewünschten Bahnen lenken will. Beides ist ein Eingriff ins Leben! Außer für Düngen und Begießen gilt beide Male: Gott lässt sich nicht spotten!

Dass Gott auch im neuen Jahr Neues aufwachsen lässt, neues Leben „aufs Neue“ schafft, ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Dass wir’s auch sehen, offenbar nicht. Holen wir uns Sehhilfe um Gottes Willen nicht von den opportunistischen Schönschwätzern und den innovationsgeilen Geisterfahrern unserer Zeit. Lassen wir uns von Gott offene Augen schenken und ein offenes Herz für seine ganze lebendige Welt, damit auch wir dieses Jahr „aufs Neue“ leben, unser Herz Gott grünen lassen und beten:

Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd ein guter Baum, und lass mich Wurzel treiben. Verleihe, dass zu deinem Ruhm ich deines Gartens schöne Blum und Pflanze möge bleiben. (EG 503,14)

Pfarrer Johannes Taig    (Hospitalkirche Hof)
(weitere Predigten von Pfarrer Taig finden Sie exklusiv unter www.kanzelgruss.de)

Text: 

Gott spricht: Siehe, ich will ein Neues schaffen,
jetzt wächst es auf, erkennt ihr's denn nicht?
 


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