Predigt    Johannes 10/11,27-29    Jubelkonfirmation     05.06.11

"Zuhause"
(von Pfarrer Johannes Taig, Hospitalkirche Hof)

Liebe Jubelkonfirmandinnen, Jubelkonfirmanden, liebe Festgemeinde,

diese verständlichen und einfachen, fast möchte man sagen einfältigen Worte aus dem Johannesevangelium liest und predigt man gerne zur Taufe. Mit der Taufe kommt ein neues Schäfchen zur Herde des guten Hirten. Sehr bildhaft kann man das schon kleinen Kindern erklären. Und so eignet sich dieser Text auch für eine Taufe im Kindergottesdienst.

Aber heute haben wir alles andere als einen Kindergottesdienst. Schon unsere grünen Konfirmanden würden sich ärgern, wenn man sie jetzt nach ihrer Konfirmation als Kinder ansprechen würde. Und Ihr, liebe Jubelkonfirmanden erst recht! Denn Ihr habt jahrzehntelange Lebenserfahrung gesammelt und seid nun wirklich keine Schäfchen mehr!

Und auch wer kein Schäfchen mehr ist, möchte als Mensch noch viel weniger mit einem ausgewachsenen Schaf verglichen werden. So bezeichnet man einen Menschen, der sich nicht durchsetzen kann und alles mit sich machen lässt. So jemand wollen wir auf keinen Fall sein.

Auch wenn dieses Schäfchenimage Kirchgängern, praktizierenden Christen, wie man heute sagt, nachschleicht. Vielleicht auch ein Grund, den eigenen Kirchgang übers Jahr oder über die Jahre maßvoll zu verteilen. Denn ein evangelischer Christ möchte gern angesehen werden als ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan, wie es Martin Luther einmal formuliert hat.

Der Kirchengeschichtler Adolf Harnack dazu: „Wir deutschen Lutheraner sind eine Kirche, in welcher die Mitglieder alle Aktionen kirchlicher Art schließlich doch nur von den Pfarrern erwarten und ihre kirchliche, evangelische Freiheit eben darin erkennen, dass sie mit der Kirche nichts zu tun haben brauchen.“ Diese Zitat stammt aus dem Jahre 1907!

Das Bild vom Hirten und der Schafherde ist also nicht erst seit gestern ein Bild, mit dem wir gar nicht so viel anfangen können oder wollen. Schaf und Herde sind für den evangelischen Christen wenig schmackhafte Vergleiche.

Und doch, liebe Jubelkonfirmanden, ist dieser Tag so etwas wie ein still vorgetragenes Gegenargument. Ein Gegenargument gegen das Gefühl der Selbstsicherheit und Selbständigkeit in Glaubens- und Lebensdingen, das vielleicht aufkommt, wenn man auf all das zurückschaut, was man in all den Jahren geschafft und aufgebaut hat: Mein Haus, mein Auto, mein Bankkonto! Ein Gegenargument, für das man schon einen solchen Erinnerungstag braucht, um es wieder einmal aus aller Erinnerung klarer und fester zu fassen.

Deshalb erinnert Euch: Gesichter werden auftauchen. Die Pfarrer, die Euch damals konfirmiert haben; Eure Jungen- und Mädchengesichter; eine Herde von Kindern, die keine mehr sein wollten oder schon keine mehr sein durften, weil sie schon arbeiten und mithelfen mussten. Die noch jungen Gesichter Eurer Eltern und Geschwister werden auftauchen, Oma und Opa. Das Elternhaus und die Stadt, grau, wie sie damals war nach dem Krieg. Was habt Ihr in diesen Jahren miteinander Schönes und Schweres erlebt! Weißt Du noch? Erinnerst Du Dich? So wird wohl heute noch einige Male gefragt werden.

Und Ihr werdet Euch gerne erinnern, an das Gute und an das Schwere. Denn beides ist Eure Geschichte. Das seid Ihr! Und mit diesen Erinnerungen wird das kommen, was die Erinnerung an diese Konfirmanden- und Kinderzeit so wertvoll macht: Die Besinnung auf Eure ureigensten Wurzeln. Dort stamme ich her, dorthin habe ich gehört, da waren die Menschen, denen ich Vertrauen, Liebe und Zuneigung entgegengebraucht und von denen ich solches empfangen habe. Da war ich Zuhause!

Zuhause: Besonders in der Erinnerung ist das schon fast ein Zauberwort. Ein Wohlklang, der Macht hat, so manchen Misston in der Erinnerung einfach zu übertönen. Zuhause ist ein hartnäckig gutes Wort. Auch der selbstsicherste und selbstbewussteste Mensch kommt aus einem Zuhause – und ist sein Leben lang dorthin unterwegs. Und auch die unter Euch, die hundert Tausende Kilometer zurückgelegt haben, waren doch die meiste Zeit auf dem Heimweg, dorthin unterwegs, wo man Verständnis, Geborgenheit und Vertrauen findet.

Selbst Viecher, habe ich mir erzählen lassen, haben davon eine Ahnung. Eine Kuh, die eine Zeitlang auf dem Hof ist, kennt den Weg zu ihrem Stall auswendig, selbst den Platz im Stall weiß sie genau. Schafe kennen ihren Hirten, zu dem sie gehören. Allein gelassen werden sie suchen, finden oder elend zugrunde gehen. Womit wir wieder bei unserem Predigttext wären.

Bestimmt hat Jesus bei seinem Vergleich daran gedacht: Menschen brauchen ein Zuhause. Auch der erwachsene, der gestandene, selbstständige und selbstbewusste evangelische Christ kann darauf nicht verzichten. Er braucht ein Zuhause, wo er herkommt und ein Zuhause, wo er hingeht. Wer das erste nicht richtig hatte, tut sich schwer im Leben. Wer aber das zweite nicht findet und nicht mehr dorthin unterwegs ist, führt ein trostloses und hoffnungsloses Leben. Auf ein Zuhause sind wir ein Leben lang angewiesen.

Vielleicht ist deshalb ein solcher Jubiläumstag eine Chance, mitten im alltäglichen Leben eine solche Weisheit aus all den Erinnerungen wieder herauszuschälen. So wie man das Wichtige vom Unwichtigen trennt. Vielleicht ist dieser Tag die Chance, einmal aus fröhlichem Anlass freiwillig das zu tun, was mancher dann in der Not einer Krankheit oder unter der Wucht eines Schicksalsschlages leisten muss: Antwort geben auf die Frage, was ist wirklich wichtig, was zählt in meinem Leben?

Ein Zuhause gehabt haben und ein Zuhause haben, das zählt! Sich selbst und anderen ein Zuhause suchen und schaffen, das zählt! Liebe, Vertrauen und Geborgenheit nehmen und geben, das zählt! Das zählt mehr als mein Haus, mein Auto und mein Bankkonto.

Und wenn Ihr, liebe Jubelkonfirmanden, Euch heute daran erinnert, dann seid Ihr unserem Herrn Jesus Christus sehr nahe gekommen. Denn auch er ist der Meinung, dass eben das zählt: Ein Zuhause haben, wie die Schafe einen Hirten haben. Und auch Gott im Himmel ist dieser Meinung. Deshalb lässt er sich nicht nur mit "allmächtiger Gott" anreden. Am liebsten lässt er sich mit „Vater unser“ anreden und bringt damit zu Ausdruck, dass wir bei ihm, dem Schöpfer des unvorstellbar großen Kosmos, zuhause sein dürfen.

Damals bei Eurer Konfirmation habt Ihr ihm ein Versprechen gegeben. Das Versprechen bei ihm zu bleiben und bei seiner Gemeinde und Kirche, in die Ihr als Säuglinge von Euern Eltern zum ersten Mal hineingetragen worden seid. Diese Taufe habt Ihr Euch nicht aussuchen können, wie Ihr Euch Eure Eltern nicht aussuchen, aber auch nicht verdienen konntet. Euer erstes Zuhause war geschenkt. Ein Geschenk, dass Ihr später nur ablehnen oder annehmen konntet. Und so war es auch mit Eurer Taufe.

Die besten Dinge im Leben sind umsonst! Dazu gehört auch das Zuhause, das Gott uns anbietet von unserer Taufe an. Es ist ein Zuhause, für das der gute Hirte sein Leben eingesetzt hat, damit wir Gottes Kinder sein und bei ihm zuhause sein dürfen im Leben und im Tod. Das ist ein Zuhause in dem alles irdische Zuhause daheim sein darf. Der Glaube an den guten Hirten ist deshalb nicht der letzten Notnagel, sondern er ist die tiefste Wahrheit aller Suche nach einem Zuhause. Gott ist Zuhause!

Und deshalb wünsche ich Euch, liebe Jubelkonfirmanden, dass Euch der Glaube an den guten Hirten und das Euch das Wort Gott selbstverständlich wird und bleibt. So gut und selbstverständlich wie das Wort Zuhause. Ein hartnäckig gutes Wort hatten wir gesagt. Ich bin der gute Hirte, sagt Jesus, und niemand wird Euch aus meiner Hand reißen. Da komme ich her und dorthin bin ich unterwegs: Geboren werden und sterben, lachen und weinen, daheim sein und unterwegs sein: Ich bin der gute Hirte, sagt Jesus. Mit ihm beginnen und enden alle Wege – zuhause.

Pfarrer Johannes Taig    (Hospitalkirche Hof)
(weitere Predigten von Pfarrer Taig finden Sie exklusiv unter www.kanzelgruss.de)

Text:

Christus spricht:

11 Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.
27 Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir;
28 und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.
29 Mein Vater, der mir sie gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen.
 


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