Predigt    Johannes 12/34-36   Letzter So. n. Epiphanias    28.01.2007

"Unterwegs zwischen Finsternis und Licht"
(Von Vikar Jörg Mahler, Hospitalkirche Hof)

Liebe Leser,

Alexandra und Peter, wie ich sie nennen will, feiern miteinander Silvester. Am Übergang zum neuen Jahr strahlen sie sich Punkt Mitternacht mit leuchtenden Augen an. Während um sie herum die Raketen in die Luft fliegen und alle Menschen feucht-fröhlich anstoßen, geben sie sich einen zärtlichen Kuss. Leise flüstern sie sich ins Ohr: „Ich habe dich lieb!“, und: „Ich gebe dich nie wieder her!“. Sie sind in dieser Nacht glücklich. – Wenige Wochen später. Das Telefon klingelt. Peter hebt ab. Die Nachricht ist kurz und knapp: „Du, es tut mir leid, aber ich habe mich in jemanden anderen verliebt. Es ist aus. Ich wünsche dir alles Gute.“ Was ist geschehen? Peter kann es nicht begreifen. Sie beide lieben sich doch. Hat er etwas falsch gemacht? Die gemeinsamen Jahre - ein einziger Anruf hat sie ausgelöscht. Salzige Tränen rinnen ihm übers Gesicht. Die lichte Zeit voller Glück und Zufriedenheit ist Vergangenheit. Trauer, Wut und Enttäuschung haben sich breitgemacht. Finsternis hat ihn überfallen, das Licht scheint fern.

Unterwegs zwischen Licht und Finsternis - das sind wir alle. Jeder kennt in seinem Leben Sternstunden und dunkle Zeiten. Sternstunden – das sind die Freude über die Geburt eines Kindes, die Taufe, die Konfirmation, die erste Liebe, der erste Job, die Hochzeit, gute Gespräche und treue Freundschaften. Und dann kann ein Augenblick alles verändern: ein Unfall, eine Krankheit, ein Streit, Einsamkeit, und schließlich der Tod von Menschen, die uns nahe stehen. - In unserem Leben sind wir unterwegs zwischen Licht und Finsternis. Licht und Finsternis, die wir in der Tiefe unserer Seele empfinden, die unsere Stimmung, unser Wohlbefinden, unseren Umgang mit anderen bestimmen.

Auch das Leben Jesu war ein Leben zwischen Licht und Finsternis: Sternstunden in seinem Leben waren, als der helle Stern über der Krippe schien, als er die Freude der Menschen gesehen hat, die ihm begegnet sind und erlebt haben, wie es für sie in seiner Nähe hell wurde. Sternstunden waren es, als er die Himmelsstimme bei seiner Taufe und bei der Verklärung hörte. Doch von Anfang zog auch schon die Finsternis über seinem Leben herauf, angefangen beim König Herodes, der Jesus schon als Säugling töten wollte. Dann die Entfremdung von seiner Familie, und das Gefühl von den engsten Gefährten verraten und verlassen zu werden. Es ist in Jesus dunkel, wenn er im Garten Gethsemane am Abend vor seiner Hinrichtung fleht: Vater, lass diesen Kelch an mir vorübergehen! Und schließlich schaffen es die auf den Stühlen der religiösen und politischen Macht Sitzenden, ihn am Kreuz aus dem Weg zu räumen. Finsternis bleibt zurück! Das Leben Jesu ist ein Leben zwischen Licht und Finsternis. Gerade heute am letzten Sonntag nach Epiphanias wird uns das besonders bewusst, wo der Weihnachtsfestkreis zu Ende geht, und uns die nächsten Sonntage auf die Passionszeit vorbereiten wollen: Die Freudenrufe der Engel in der Heiligen Nacht, und die Tränen der Frauen unter dem Kreuz treffen zusammen.

Unser Leben und das Leben Jesu, das Leben überhaupt ist unterwegs zwischen Licht und Finsternis. Der Finsternis entkommt keiner, auch die Glaubenden nicht. Wer meint, dass man, wenn man glaubt, keine dunklen Stunden mehr erleben wird, der irrt sich, der irrt sich wie die Volksmenge in unserem Predigttext. Dort fragt die Menge Jesus: „Wir haben gehört, dass der Christus in Ewigkeit bleibt; wieso sagst du dann: Der Menschensohn muss erhöht werden?“. Die Leute dachten gefangen in der traditionellen Erwartung, der Retter der Welt, der Menschensohn, der Christus oder wie immer man ihn nennen will, er würde hier auf Erden ein Lichtreich aufbauen, das ewigen Bestand hat, so dass es kein Dunkel mehr gibt. Sie haben wohl begriffen, dass Jesus von seinem Tod, seiner Erhöhung ans Kreuz spricht. Aber Kreuz, Leid und Dunkel, das passt für die Menschen nicht zum Messias! Passt es wirklich nicht zum Messias? Oder ist Jesus vielleicht gerade deswegen der Messias, weil er eben gerade dieses Dunkel nicht oberflächlich verdeckt und schönredet, sondern dieses Dunkel selbst erlebt, in das Dunkel eintritt und diesen grausamen Tod stirbt?

Peter, den der Anruf seiner Partnerin ins dunkle Tal gestoßen hat, erzählt: „Als das damals geschehen ist – es war ja zu Beginn der Passionszeit, da habe ich die Passionszeit ganz intensiv erlebt. Gründdonnerstag und Karfreitag sind mir nahe gegangen, wie nie zuvor. Ich habe gespürt: Christus weiß, wie es mir geht, er kennt das Dunkel. Und so war ich nicht alleine mit meinen Gefühlen: Gott war bei mir im Dunkel. Ich habe mich von Gott angenommen gefühlt. Und dann kam die Osternacht: Die Osterkerze wurde in die dunkle Kirche getragen, und so wie es dann durch das Weitergeben des Lichts in der Kirche hell wurde, so ist es auch in mir hell geworden. Christus hat das Dunkel des Grabes besiegt! Er lebt, und mit ihm auch ich! Klar,“, so erzählt er weiter, „denke ich immer wieder an Alexandra und blicke ab und an mit Wehmut zurück auf die schöne gemeinsame Zeit, aber ich stehe im Leben und bin aufgeschlossen für alles, was mir begegnet, und was Gott noch mit mir vorhat – vielleicht schenkt er mir eine neue Liebe!“.

„Wer ist dieser Menschensohn?“, fragt die Volksmenge. Sie fragt nicht nach seiner konkreten Person, sondern danach, was ihn kennzeichnet. Peter könnte nach dem, was er erlebt hat, vielleicht antworten: „Mir hat geholfen, dass er der ist, dessen Weg auch vom Licht ins Dunkel geführt hat, wo ich ihm begegnen konnte. Mir hat geholfen, in der Osternacht zu erleben, dass das Dunkel nicht die Endstation für ihn war. Seinem Todesdunkel folgte das Licht der Auferstehung. Der Erhöhung am Kreuz folgte die Erhöhung zum Vater. Fortan sitzt er zu seiner Rechten. Er hat das Dunkel überwunden. Und so wird der, der bereits zu seinen Lebzeiten für viele Menschen ein Licht war, nach seiner Auferstehung ein Lichtblick für alle, die im Dunkeln sind. Er, der mir in meinem Dunkel zur Seite steht, er selber verkörpert das Licht in der Finsternis. Das hat mir in meinem Dunkel Kraft und Hoffnung gegeben.“.

Es stimmt, liebe Gemeinde, was Jesus sagt: „Wer in der Finsternis wandelt, der weiß nicht, wohin er geht.“. Wir brauchen für unser Leben so ein Licht, das uns Orientierung gibt und es in uns immer wieder hell werden lässt, ein Licht, das von Gott herkommt. Doch Jesus sagt, dass dieses Licht nicht immer greifbar ist: „Es ist das Licht noch eine kleine Zeit bei euch. Wandelt, solange ihr das Licht habt, damit euch die Finsternis nicht überfalle.“. Kann es das geben, dass sich Jesus, dass sich der Glaube uns entzieht, dass wir irgendwann nicht mehr die Möglichkeiten haben, zu Jesus als dem Licht zu finden? Es ist das Licht noch eine kurze Zeit bei euch – dabei ist zunächst gewiss an die nur noch kurze Anwesenheit des irdischen Jesus bis zu seinem Tod gedacht. Jesus verheißt in seinen Abschiedsreden seinen Jüngern dann allerdings den Geist. Im Geist wird er auf eine neue Art und Weise gegenwärtig sein. Jedoch ist die Gegenwart Jesu im Heiligen Geist nicht so, dass wir sie festhalten könnten. Gottes Gegenwart spüren wir hier und dort, oder eben auch einmal nicht. Deshalb fordert Jesus auf: „Glaubt an das Licht, solange ihrs habt!“.

Und da sind wir beim zweiten Problem, liebe Gemeinde: Auf eine Aufforderung hin glauben - geht das überhaupt? Kann man Glauben befehlen oder selbst machen? Entsteht er nicht vielmehr durch das Wirken des Heiligen Geistes? Ja, der Glaube ist unverfügbar und kann nicht von uns bestimmt werden. Aber freilich gilt es, offen dafür zu sein, wann und wo Gott uns begegnet. Es gibt die Momente, in denen das Glaubenslicht aufleuchtet. Sie werden uns geschenkt. Ich habe es aber in der Hand, ob ich diese Momente an mir vorbeiziehen lasse und sie aus meinem Bewusstsein herausschiebe, oder ob ich mir diese Momente bewusst mache und sie in mein Inneres vorlasse. Ich kann Glaubenserfahrungen festhalten, und an ihnen im Glauben wachsen.

Solche Momente, in denen Peter das Glaubenslicht aufgeleuchtet ist, waren nach der Trennung die Gespräche mit guten Freunden. Diese Freunde haben Verständnis und Solidarität gezeigt. Sie waren für ihn ein Geschenk Gottes. Das ist für ihn ein Gotteserlebnis, das er festhält, und das ihn in seiner Beziehung zu Gott stärkt. Solche Erlebnisse hatte er schon vor seiner Trennung. Und durch sie ist sein Glaube gewachsen, so dass er sich auch in dieser Not an Gott gewendet hat und sich von ihm Begleitung und Trost erhoffte. Als die Finsternis über ihn hereinbrach, wusste er, von wo ihm ein Lichtschein entgegenkommt.

Was ist dieser Glaube überhaupt, zu dem wir hier aufgefordert werden? - Ich sehe vor mir ein Kind, das beim Spielen auf einen Baum geklettert ist. Unten steht die Mutter, und das Kind springt runter in ihre offenen Arme. Das ist für mich ein Bild für das, worum es im Glauben geht: Das Kind weiß, dass die Mutter da ist, und es fangen wird. Es vertraut sich ihr an und springt. Glaube, das ist mit Luther nichts anderes als ein Ergreifen Christi, ein Vertrauen auf Gott. Glaube ist eine Haltung, die Haltung des Vertrauens. In diese Haltung kann ich mich einüben, Vertrauen kann wachsen. Wenn uns Christus zum Glauben auffordert, dann kann das nur heißen, das eigene Vertrauen immer wieder neu bewusst auf Christus zu setzen.

Es gilt also beides: Der Glaube ist ein Geschenk und Gottesbegegnungen sind unverfügbar. Und doch kann ich diese Erlebnisse festhalten und an ihnen im Glauben wachsen, und mich einüben ins Vertrauen. Wer in diesem Vertrauen auf Christus lebt, den nennt unser Herr ein „Kind des Lichts“. Und der Epheserbrief weiß, dass ein Kind des Lichts Früchte des Lichts bringt. Der Apostel schreibt dort: „Ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit. Prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist, und habt nicht Gemeinschaft mit den Werken der Finsternis; deckt sie vielmehr auf.“ (Eph 5,8-11).

Wir sind in unserem Leben immer unterwegs zwischen Licht und Finsternis, frohen Stunden und dunklen Tälern. Vielleicht kann uns ja auch der Wechsel der Kirchenjahreszeiten vom Weihnachtslicht zum Dunkel der Passion und schließlich hin zum Osterlicht helfen, mit den eigenen dunklen Erfahrungen umzugehen. Peter hat es geholfen. Das Kirchenjahr will uns hineinnehmen in eine dynamische Bewegung hin zum Osterlicht. Ich wünsche uns, dass wir immer wieder diesen hellen Lichtschein am Horizont erkennen und zum Licht finden, und für andere zu einem Kind des Lichts zu werden, durch den, der das Licht ist, Jesus Christus.

Vikar Jörg Mahler  (Hospitalkirche Hof)
Text: 

34 Die Menge entgegnete ihm: "Aus dem Gesetz wissen wir doch, dass Christus für immer bei uns bleiben wird. Wie kannst du dann sagen: 'Der Menschensohn muss erhöht werden'? Wer ist eigentlich dieser Menschensohn?"
35 Hierzu sagte Jesus: "Das Licht ist nur noch kurze Zeit bei euch. Nutzt diese Zeit, damit ihr das Ziel erreicht, bevor euch die Dunkelheit überfällt. Wer im Dunkeln geht, kann weder seinen Weg noch das Ziel erkennen.
36 Vertraut euch dem Licht an, solange ihr es habt, dann werdet ihr im Licht leben."


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