Predigt    Lukas 3/1-14   3. Advent    12.12.04

"Hellwach?!"
(von Pfarrer Johannes Taig, Hospitalkirche Hof)

Liebe Leser,

im neuesten Sonntagsblatt kann man eine Umfrage lesen zum Thema: Was ist für Sie eine gute Predigt? Eine Antwort lautet:

“Ein guter Prediger spricht frei, spricht kurze Sätze, verständlich, bezieht die Gemeinde mit ein, indem er zum Beispiel Gemeindeglieder direkt (aber natürlich nicht strafend, entlarvend, sondern freundlich) anspricht. Bei einem guten Prediger weiß ich als Zuhörerin, dass er meine Gemeinde kennt und weiß, was im Augenblick hier los ist. Übrigens: Das ist durchaus kein Traum. Ich kenne so einen Prediger.“

Na, sagen wir da, Johannes der Täufer kann es nicht gewesen sein. Da strömen die Menschen um sich taufen zu lassen und statt leiser Musik, spiritueller Atmosphäre, Bildmeditation und „Gott hat dich lieb, so wie du bist“ - Liedern, werden die Leviten gelesen. Dieses Taufwasser ist nicht warm oder lauwarm, sondern eiskalt. Johannes der Täufer macht uns und seine Täuflinge frisch und das bedeutet vor allem: hellwach.

Mag sein, dass wir das als störend empfinden. Besonders zur Weihnachtszeit lassen wir uns ja gerne einlullen von Klängen und Gerüchen. Als wäre Weihnachten für ein paar Wochen das Deodorant einer ansonsten zum Himmel stinkenden Welt. Weihnachten als Euphemismus, als sprachliche Beschönigung unter vielen, mit denen wir versuchen, das Schlimme nicht so schlimm klingen zu lassen und unsere Welt schönzureden.

Wenn ihr Chef ihnen kündigt, dann heißt das nicht feuern, sondern freisetzen. Wenn unbeteiligte Zivilisten von Bomben zerfetzt werden, dann sind sie keine Opfer von Menschenverachtung, sondern Kollateralschäden. Ups, dumm gelaufen, sorry. Und auch über den Wald gibt kein Schadens- oder besser Katastrophenbericht Auskunft, sondern der Waldzustandsbericht. Der Prediger in der Wüste hat recht: Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt. Freilich in einem Sinn, den der Täufer nicht ahnen konnte. Wir alle sorgen dafür, dass der Wald stirbt. Unser Wald. Sinnbild des Lebens. Besungen und bedichtet seit es Menschen gibt. Als Ökosystem unabdingbare Lebensgrundlage auch für den Menschen. Sein Niedergang müsste uns allen in die Glieder fahren. Und wir schlafen weiter.

Hier sind einige, hoffentlich hellwache Bemerkungen angebracht. Es ist geradezu zynisch, wie für die Forstreform in Bayern argumentiert wurde. Ja, wir müssen sparen im Interesse künftiger Generationen. Da muss halt Manches dann auch stärker ökonomisch betrachtet werden. Aber man darf dabei nicht die Interessen künftiger Generationen gegen die Interessen künftiger Generationen ausspielen. Denn der Markt – das sollten wir alle inzwischen begriffen haben – hat an Dingen, mit denen sich kein Geld machen lässt, kein Interesse. Er regelt nichts im Sinne ethischer Prinzipien. Er ist blind dafür. Was passiert, wenn der Markt im Wald regiert, kann man sich in anderen Teilen der Erde mit entsetzten Augen betrachten.

Falls sie wach waren, haben sie sicher vom Volksbegehren „Aus Liebe zum Wald“ gehört. Es ist an der zehn Prozent - Hürde gescheitert. Nur neun Prozent haben sich bayernweit eingetragen. Das dauerte für jeden allenfalls fünf Minuten. Diese fünf Minuten hatten in der Stadt Hof gerade mal  sieben Prozent. Das ist nicht viel mehr als der natürliche Bevölkerungsanteil an Prozesshanseln, die gegen ihre Nachbarn Prozesse wegen Laubfall und überhängender Äste führen. Und wir schließen gerne die Kommunalpolitiker ein, die sich deren Stimmen sichern, indem sie für die Lockerung und Abschaffung von Baumschutzverordnungen eintreten.

Was sollen denn all die Debatten um Patriotismus und Vaterlandsliebe, wenn wir in den fünf Minuten, in denen wir für etwas, was zu uns gehört, was wir lieben und auf das wir stolz sind, mit unserer Stimme eintreten könnten, dann aber etwas Besseres vorhaben? Ja, lasst euch nicht verarschen, besonders nicht bei solchen Debatten.

Woher kommt denn unter uns diese unglaubliche Gleichgültigkeit, wenn nicht aus einer großen Selbstzufriedenheit und Selbstsicherheit, die glaubt, irgendwer wird es schon irgendwann richten? Und wenn das dann nicht funktioniert, dann sind wir die Ersten, die jammern, klagen und anklagen. Denn Schuld sind immer die anderen.

Damit haben wir beschrieben, was der Prediger in der Wüste meint. Nicht nur zur Weihnachtszeit ist Selbstzufriedenheit und Selbstsicherheit fehl am Platz. Die Kinder Abrahams können sich nicht darauf verlassen, dass Gott es ihnen schon allein aufgrund ihrer Herkunft richten wird. Die Alteingesessenen sollen wohl zusehen, dass irgendwann nicht andere auf ihren Stühlen sitzen. Diese Stühle sind Gottesgabe, wie der Wald und das Land und das Meer, und die ganze lebendige Welt. Sie bleibt Gottes Schöpfung – auch ohne den Menschen. Gott kann sich aus Steinen neue machen.

Das hat der kommende Christus, auf den der Prediger in der Wüste hinweist auch vor: aus dem verlorenen und in sich selbst verkrümmten Menschen, einen verantwortlichen, achtsamen, liebevollen, offenen und damit an Leib und Seele neuen Menschen zu machen. Deshalb wird der Christus taufen mit Feuer und Geist.

Johannes der Täufer gibt sich mit weniger zufrieden. Er ist kein Revolutionär und nicht einmal Pazifist. Er fordert niemand auf ihm nachzufolgen oder den Beruf zu wechseln. Schon der bereitet dem Herrn den Weg, der tut, was seines Amtes ist. Wer viel hat, soll geben, was er übrig hat und nun wirklich nicht zum Leben braucht. Der Beamte an der Zollstation, soll nehmen was recht ist. Der Soldat soll die Konventionen achten. Schon dann bereitet er dem Herrn den Weg. Aber was heißt „schon“? Wir alle wissen, dass das auch bei uns viel und manchmal schon zuviel verlangt ist - vor allem aber dann, wenn wir den Schlaf der vermeintlich Gerechten schlafen.

Hellwach werden, heißt daher die Devise in der Adventszeit. Hellwach für den, der da kommt im Namen des Herrn. Hellwach für die kleinen und großen Nöte und Seufzer der Menschen und der Schöpfung Gottes. Hellwach werden und die falschen Sicherheiten beim Namen nennen. Die Sinne schärfen für die kleinen und großen Niederlagen der Gerechtigkeit und gegen die, die uns darüber Sand in die Augen streuen wollen. Umkehren und einmal das eigentlich Selbstverständliche tun. Einmal die Hand in der Tasche lassen, die sich bei anderen und der Allgemeinheit bedienen will. Mein gutes Recht auch als das des anderen ansehen. Auch und gerade dann wird’s so richtig Weihnachten. Amen.

Pfarrer Johannes Taig    (Hospitalkirche Hof)
(weitere Predigten von Pfarrer Taig finden Sie exklusiv unter www.kanzelgruss.de)

Text: 

(1)Im fünfzehnten Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius, als Pontius Pilatus Statthalter in Judäa war und Herodes Landesfürst von Galiläa und sein Bruder Philippus Landesfürst von Ituräa und der Landschaft Trachonitis und Lysanias Landesfürst von Abilene, (2)als Hannas und Kaiphas Hohepriester waren, da geschah das Wort Gottes zu Johannes, dem Sohn des Zacharias, in der Wüste.
(3)Und er kam in die ganze Gegend um den Jordan und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden,
(4)wie geschrieben steht im Buch der Reden des Propheten Jesaja (Jesaja 40,3-5): »Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn und macht seine Steige eben!
(5)Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden.
(6)Und alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen.«
(7)Da sprach Johannes zu der Menge, die hinausging, um sich von ihm taufen zu lassen: Ihr Schlangenbrut, wer hat denn euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet?
(8)Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße; und nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken.
(9)Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.
(10)Und die Menge fragte ihn und sprach: Was sollen wir denn tun?
(11)Er antwortete und sprach zu ihnen: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso.
(12)Es kamen auch die Zöllner, um sich taufen zu lassen, und sprachen zu ihm: Meister, was sollen denn wir tun?
(13)Er sprach zu ihnen: Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist!
(14)Da fragten ihn auch die Soldaten und sprachen: Was sollen denn wir tun? Und er sprach zu ihnen: Tut niemandem Gewalt oder Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!


Archiv
Homepage Hospitalkirche