Predigt     Lukas 15/11-32    3. Sonntag nach Trinitatis    12.06.05

"Diesen Gott muss ich erst noch kennenlernen ..."
(von Vikar Michael Krauß, Hospitalkirche Hof)

Liebe Leser,

er pendelte zwischen Paris, Köln und Straßburg. Im 13. Jahrhundert was das kein Vergnügen. Aber er musste sich um den Aufbau von 47 Klöstern kümmern; er predigte, hielt Vorlesungen und Vorträge: „Meister Eckard“ wurde er genannt, der „Lese- und Lebemeister“. Nicht nur die Bildung, das Lesen, war ihm wichtig, er wollte die Menschen anregen, glücklich zu leben. In aller Betriebsamkeit interessierte ihn nur eine einzige zentrale Frage: Wie kann Gott im Menschen geboren werden? Wie kann der Mensch erkennen und wahrnehmen, dass er in Wahrheit Gottes Sohn, Gottes Tochter ist und deswegen unmittelbar ins Leben Gottes hineingehört?
Mit der gleichen Frage beschäftigt sich unser heutiger Predigttext. Er wird den meisten von Ihnen bekannt sein: Das Gleichnis vom verlorenen und wiedergefundenen Sohn.

Jesus erzählt es Pharisäern, die erbost sind darüber, dass Jesus die Sünder annimmt. Jesus nimmt in sein Gleichnis alle Personen auf, die um ihn herumstehen, als er zu erzählen anfängt.
- Gott kommt als Vater vor.
- Die sogenannten „Sünder, als der jüngere verlorene und wiedergefundene Sohn.
- Und schließlich sind da noch die Pharisäer als der ältere Sohn, von dem sich herausstellt, dass er ebenfalls verloren und wiedergefunden ist.

Hören wir Jesus zu, wie er erzählt. Wir werden uns vermutlich wiederfinden, in einem der beiden Söhne oder in beiden:
15,11 Ein Mensch hatte zwei Söhne.
15,12 Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie.
15,13 Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land;
15,14 Dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen.
15,14 Als er nun all das Seine verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land, und er fing an zu darben
15,15 und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten.

Sehen wir uns zuerst diesen jüngeren Sohn an. Meister Eckard sieht die Menschen als verlorene Söhne. Er meint, der Mensch verliere sich vor allem in seinen Sicherheiten: in dem, was er hat, in dem, was er aus sich macht oder zu machen gedenkt, in seinen festen Weltsichten und Überzeugungen. Eckard will ihm helfen, er rät:

Wenn du wissen willst, wer du bist, musst du versuchen, dich ohne den Müll zu sehen, der sich um dich angesammelt hat. Wirf alles weg, was du nicht bist: Du bist nicht dein Bankkonto! Du bist nicht dein Schönheitsideal! Du bist nicht deine Leistung! Du bist auch nicht dein Versagen! Nichts von dem, was du besitzt oder getan hast, hat Einfluss auf das, was du bist! Die Gedanken, die du dir machst, deine Gefühle, deine Ängste und dein Größenwahn, all das sagt nichts darüber aus, wer du bist. Vergiss das alles! Vergiss alle deine Vorstellungen von dir und der Welt, vergiss selbst deine Vorstellungen von Gott! Wer glaubt, Gott zu haben, sucht ihn nicht und verliert leicht ihn und sich selbst an eine kümmerliches Gottesbild. Vergiss alles, bis du unterm Himmel steht, wie du geschaffen wurdest, nackt an Leib und Seele. Bis du wieder zu suchen beginnst. Wer sucht, ist offen für Gott.

Dazu gibt es zwei Wege. Der eine: Der Mensch erlebt unfreiwillig den Zusammenbruch all dessen, auf was er bisher sein Leben aufgebaut hatte, in seiner ganzen Wucht am eigenen Leib.
Der zweite: der Mensch begreift, indem er selbst Abstand nimmt von seinen Sicherheiten und neu zu suchen beginnt.

Der jüngere Sohn in unserem Gleichnis geht recht unfreiwillig den ersten Weg: Seine Träume vom schönen Leben sind zerplatzt, zusammengeschrumpelt, zu einem wahrlich nicht zu hoch gegriffenen Wunsch: 15,16 „Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm.“

Ein Mensch am Ende. Für Meister Eckard dennoch ein Mensch am Anfang: Denn wer glaubt, Gott zu haben, sucht ihn nicht und verliert sich. Er klammert sich an ein kümmerliches Welt- und Gottesbild und es wäre besser, wenn es zerschlagen würde. Wer sich aber im freien Fall befindet, dessen Augen sind weit aufgerissen für Gott. Er sucht Gott verzweifelt mit seinem ganzen Sein. Eckard sagt es so: „Erst in der Leere des Nichts wird Raum geschaffen für den göttlichen Gott.“ Wer glaubt, Gott zu haben, verliert ihn und sich. Wer aber sucht, ist offen für Gott.

15,17 Da ging er (der Sohn) in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger!
15,18 Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir.
15,19 Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner!
15,20 Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.
15,21 Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße.
15,22 Aber der Vater sprach zu seinen Knechten:
Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße
15,23 und bringt das gemästete Kalb und schlachtet's; laßt uns essen und fröhlich sein!
15,24 Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.

„Denn dieser, mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden.“ Ich finde diesen Satz so schön, weil er nicht sagt: „Mein Kind war für mich verloren und ist nun für mich wieder lebendig.“ Dieser Satz sagt auch nicht: „Mein Kind hatte sich verloren und hat sich nun wieder gefunden.“ Ich finde diesen Satz so schön, weil er beides in einem sagt. Er trennt nicht mehr zwischen Vater und Kind. Die beiden gehören so eng zueinander, dass sie unmöglich getrennt voneinander zu betrachten sind. Sich selbst zu finden und Gott zu finden fallen in eins.

„Dieser, mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden.“ Seit Anbeginn der Zeit weht Gottes Atem im Menschen. Wir alle sind Kinder Gottes. Dies aber zu sehen und für sich selbst wahr zu nehmen, das ist ein schwieriges Unterfangen, bei dem uns unsere Gottesbilder im Wege stehen. Manchmal muss Gott uns unsere alten Gottesbilder zerschlagen, damit wir ihn neu kennen lernen.

In unserem Gleichnis gibt es noch einen zweiten verlorenen Sohn, der aus seinen starren Gottesbildern befreit wird:
15,25 Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen
15,26 und rief zu sich einen der Knechte, und frag, was das wäre.
15,27 Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wieder hat.
15,28 Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn.
15,29 Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre.
15,30 Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet.

Wenn man dem Sohn so zuhört, merkt man schnell: Ihm geht es nicht ums Geld oder ein Kalb hin oder her. Er fühlt sich ungeliebt. „Ich hab mich abgerackert, hab das Geld zusammengehalten, hab immer getan, was du wolltest. Ich hab meine besten Jahre für dich und den Hof geopfert.“

15,31 Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, das ist dein.

Mit der Antwort des Vaters wird auch dem älteren Sohn sein kümmerliches Gottesbild genommen. Er hört den Vater sprechen: „Was hast du geglaubt, wer ich bin? Ein Gott der Pflicht? Hör doch, ich liebe dich doch nicht wegen deiner Arbeit. Glaubst du, ich wäre untergegangen ohne dich? Bist du dageblieben nur um meinetwillen? Ich bin Gott, mein Land erhält sich selbst. Glaubst du wirklich, du baust das Himmelreich? Ja glaubst du denn auch, dass ich dich als Knecht will wie dein Bruder? Ihr seid meine Kinder! Ich liebe euch, einfach weil ihr meine Kinder seid. Wir gehören zusammen. Wir, die ganze Familie: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, das ist dein. Warum hast du dir eigentlich nie ein Kalb gegönnt? Der Stall ist doch voll davon? Der Sohn sieht seinen Vater verwundert an. Diesen Vater muss er erst noch kennen lernen. Wer glaubt, Gott zu haben, verliert ihn und sich selbst. Wer aber sucht, ist offen für Gott.

15,32 (Komm, mein Sohn), Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.

Sich als geliebtes Kind Gottes zu sehen, das ohne Vorbedingungen geliebt wird, hat auch Auswirkungen auf die Lebenspraxis: Nicht Gebote und Verbote bestimmen dann das Ethos. Nicht die Pflichten stehen im Mittelpunkt. Noch einmal Meister Eckard: „Was du bist, zählt allein, nicht was du hast, oder tust oder wirkst. Ein gutes Werk kann dich niemals gut machen. Bist du aber gut, dann tust du immer gute Werke. Um wen es recht steht, und wer richtig ist, dem ist an allen Orten und bei allen Menschen recht.“  Wer nur ethisch handelt, um Gebote oder Pflichten zu erfüllen, vielleicht aus Angst vor Strafe oder in der Hoffnung auf Belohnung, handelt gezwungen, er tut eigentlich nichts Gutes. Er gibt nicht Liebe weiter sondern Pflicht, weil er nicht sieht, dass er schon längst von der Liebe getragen wird.

Mögen wir immer wieder den Satz hören: Mein Kind, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, das ist dein. Möge uns dieser Satz immer wieder so überraschen wie die beiden Söhne, die ihren Vater verwundert ansehen und feststellen: Diesen Vater muss ich erst noch kennen lernen.  Mein Kind, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, das ist dein.

Vikar Michael Krauß    (Hospitalkirche Hof)

Text: 

11 Und er sprach: Ein Mensch hatte zwei Söhne.
12 Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie.
13 Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen.
14 Als er nun all das Seine verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er fing an zu darben
15 und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten.
16 Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm.
17 Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger!
18 Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir.
19 Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner!
20 Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater.
Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.
21 Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße.
22 Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße
23 und bringt das gemästete Kalb und schlachtet's; lasst uns essen und fröhlich sein!
24 Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.
25 Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen
26 und rief zu sich einen der Knechte und fragte, was das wäre.
27 Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederhat.
28 Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn.
29 Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre.
30 Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet.
31 Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein.
32 Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.


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