Predigt    Lukas 19/1-10    3. Sonntag nach Trinitatis    01.07.01

"Manchmal liegt das Evangelium in dem, was nicht gesagt wird!"
(von Pfarrer Johannes Taig, Hospitalkirche Hof)

Liebe Leser,

manchmal ist das Interessante an einer so bekannten Geschichte das, was wir nicht wissen. Manchmal ist das Interessante an Jesusgeschichten das, was nicht erzählt und nicht berichtet wird. Manchmal liegt ein wesentlicher Teil des Evangeliums in dem, was Jesus nicht sagt und nicht tut. Denn natürlich hat Jesus oder der Evangelist da nicht etwas vergessen, sondern seine guten Gründe und die können genauso erfreulich, wie ärgerlich sein.

Nein, wir wissen nicht, was den wohlhabenden Vaterlandsverräter, Kollaborateur, Religionsverächter, Ausbeuter und Betrüger Zachäus veranlasst hat, in die Nähe von Jesus kommen zu wollen.

Es wird nicht berichtet, dass Jesus ihn vor seinem Besuch über seine Rechte vor Gott aufgeklärt hat und ihm wenigstens eine kurze und seinen Verfehlungen entsprechend scharfe Straf- und Gerichtspredigt gehalten hätte. Völlige Fehlanzeige.

Und um das Maß voll zu machen enthält uns der Evangelist auch noch die beruhigende Nachricht vor, dass Zachäus nach seiner Bekehrung und nach all den guten Vorsätzen, die er gefasst hat, wenigstens den Beruf gewechselt hätte.

Ob er in der urchristlichen Gemeinde auch noch die andere Hälfte seines Besitzes in die Gemeinschaftskasse gegeben hat, wie viele andere, wissen wir auch nicht. In apokryphen Briefen, die nicht in die Bibel aufgenommen wurden, weiß freilich die Legende, dass Zachäus bei Wahlen zur Gemeindeleitung immer übergangen wurde und es schließlich der Autorität eines Petrus bedurfte, ihn vor Antritt einer Missionsreise zu seinem Stellvertreter in der Gemeinde zu machen.

Da könnte was dran sein. Zachäus, der es schwer hat, nicht bei Jesus, aber bei seiner Gemeinde. Bei der Gemeinde, die oft weniger das Evangelium, als die Frage nach dem rechten und angemessenen Leben als Christ zusammenhält. Einer Gemeinde, die murrt und sagt: Soll Jesus bei Zachäus einkehren und ihm Heil zusprechen, aber bitte nicht so, dass wir mit einem Zöllner in einen Topf geworfen werden, bitte nicht hier in unserer Mitte. So murren die, die wie Luther einmal schreibt, "sich selber ansehen, sich selber gefallen, sich etwas dünken, die da meinen, sie wüssten etwas und lebten recht ... Diese suchen Christus nicht, um durch ihn selig zu werden, sondern um als schon selig bestätigt zu werden. Sie suchen an ihm nicht den Wirker der Gerechtigkeit, sondern den Zeugen (ihrer eigenen) Heiligkeit." (Luther in der Predigt vom 31.10.1516, WA 1,94ff.)

Denen stehen die gegenüber, die so Luther weiter "geistlich und wahrhaftig sind. Die wagen nicht ihn, (Jesus) zu sich zu bitten, vor lauter Unwert auf ihrer und vor lauter Würde auf seiner Seite. Aber damit rufen sie ihn aufs stärkste. Ihr überstarkes Nein ist ihr Ja. So wird Gott gesucht, wo er nicht gesucht wird, gelobt, wo er nicht gelobt wird ... Ich habe es noch nirgends schöner und lieblicher gefunden, als an dieser Stelle. Denn das wahre Gebet hört niemand, als Gott allein, auch der Mensch selber nicht ... Zachäus ist ein Beispiel" dafür.

Manchmal steckt das Entscheidende in dem, was nicht gesagt und nicht getan wird. So ist das oft mit der menschlichen Liebe und so ist das mit der Liebe Gottes. Denn die hat die Augen und Ohren des Herzens. Die hat ein Gefühl für das, was Menschen bewegt. Die hat ein Gespür für das, was einen Menschen bedrückt und belastet. Die merkt sehr wohl, wo ein Mensch Gott sucht, auch wenn kein Schrei und kein Bekenntnis zu hören ist. Die merkt sehr wohl, wo ein Mensch Gott lobt, auch wenn kein Ton erklingt. Die weiß Dinge über einen Menschen, die der nicht einmal über sich selbst weiß. Und deshalb kann sie in unserer Geschichte über die wahren Beweggründe des Zachäus, über seine Hoffnungen und seine Verzweiflung vornehm schweigen.

Und wir müssen es auch nicht wissen. Denn Bekehrung, Umkehr zu Gott, lässt sich nicht inszenieren und nachmachen. Bekehrung ist keine Turnübung. Bekehrung ereignet sich, wie zwischen Zachäus und Jesus. Sie lässt sich deshalb auch nicht durch einen bestimmten Rahmen herbeiführen. Sie ereignet sich meistens ganz unverhofft, wie zwischen Zachäus und Jesus.

Mich erinnern Missionsveranstaltungen, je größer sie sind und je mehr da ein schweigendes Publikum vor einem Redner versammelt ist, immer an Feste für einsame Herzen mit Animateur. Die Stimmung steigt im Lauf des Abends, das Blut kommt in Wallung, der Mensch in Bewegung, doch am anderen Morgen schaut alles nüchtern betrachtet ganz anders aus. Da hilft nur die Vorfreude auf die nächste Veranstaltung.

In Streit mit unserem Predigttext geraten solche Abende und Veranstaltungen aber dann, wenn die Animation und sei es um des Evangeliums willen, darin besteht, den Zuhörern erst einmal ihre abgrundtiefe Verlorenheit und Verdammtheit vor Augen zu führen. Warum muss da getan werden, was Jesus mit Zachäus nicht tut? Warum müssen Menschen auf dem Weg zum Glauben erst einmal belastet werden, bevor sie Entlastung erfahren dürfen? Kann die Beichte bei einem bestimmten Menschen zur Vorraussetzung für die Zugehörigkeit zu einer christlichen Gemeinschaft gemacht werden? Kann und darf es einen Katalog geben, was ein bekehrter Christ zu tun und zu lassen hat, um nicht doch noch des Heils verlustig zu gehen? Und hat überhaupt jemand das Recht dann zu sagen: Jetzt gehst du verloren?

Das sind Fragen, die uns immer dann beschäftigen müssen, wenn Menschen aufgrund ihrer Erfahrung in christlichen Gruppen und Kreisen an ihrem Glauben verzweifeln bis dahin, dass sie ärztliche Hilfe benötigen.

Wenn so etwas unter uns geschieht, dann müssen wir zunächst immer zugeben, dass wir offensichtlich nicht die Augen und Ohren Jesu für diese Menschen hatten. Dass wir nicht vernommen haben, was diese Menschen im Innersten bewegt hat. Dass wir zu sehr mit uns selbst beschäftigt gewesen sind und unser frommes Getöse zu laut war, um noch einen leisen oder gar stummen Schrei zu hören. Dann kann das nicht als Bagatelle abgetan werden. Hier geht's ans Eingemachte!

Dann müssen wir einsehen, dass die Worte der Heiligen Schrift, die harten und die schönen, nicht Worte sind, die man jedem zu jederzeit um die Ohren hauen kann, nach dem Motto: Friss oder stirb. "Weh euch ihr Schriftgelehrten", sagt Jesus einmal , "denn ihr beladet die Menschen mit unerträglichen Lasten, und ihr selbst rührt diese Lasten nicht mit einem Finger an". Das ist schnell geschehen.

Jesus geht einen anderen Weg, mit Zachäus und anderen. Und das muss die Grundlage der Diskussion in unserer Kirche sein. Jesus bringt Zachäus durch seinen Besuch, durch seine Tischgemeinschaft mit ihm, durch seine Güte zur Umkehr. Seine Gnade hat mehr Macht, als alle an die Wand gemalten Teufel und alle Schrecken der Verdammnis. Sein Evangelium verändert Menschen, nicht das Gesetz.

Erst als Jesus ganz nah bei ihm ist, ihn angenommen hat, kann Zachäus, seine Vergangenheit sehen, als das was sie ist: Auch als eine Kette von Sünde und Schuld. Als in der Gemeinschaft mit Jesus vergebene und aufgehobene Sünde und Schuld. Selbsterkenntnis als Heilserkenntnis und nichts sonst!

Wer die Erkenntnis der eigenen Schuld zur Bedingung des Heils macht, tritt den gekreuzigten Christus mit Füßen. Denn seine Liebe allein ist Bedingung unseres Heils und sonst nichts. Dass Jesus uns dennoch in die Abgründe unseres Lebens schauen lässt hat nur einen Grund: Dass wir so endlich auch barmherzig mit unserem Mitmenschen und mit uns selbst werden. So barmherzig wie der Christus mit uns ist.

Und damit sind wir bei der letzten Botschaft unseres Predigttextes, die darin liegt, dass etwas nicht erzählt wird. Dass nicht erzählt wird, wie es mit Zachäus weiterging. Ist er ein Zöllner geblieben? Ein frommer Zöllner vielleicht? Ein Robin Hood der Zollstation. Geht denn das?

Lukas erzählt nichts und Jesus gibt ihm keine guten Ratschläge. Er entlässt ihn in ein neues Leben, ohne ihm zu sagen, wie es aussehen könnte oder auszusehen hat. Er entlässt ihn in die Freiheit. Ja, die Freiheit ist der Ernstfall des Evangeliums! Nicht die Gruppe, die für jede Lebenslage einen Rat und für jedes Tun und Lassen eine Vorschrift hat. Die Freiheit ist der Ernstfall des Evangeliums.

Sicher, jede Gemeinde hat Ihre Sicht der Dinge, jede Zeit hat auf besondere ethische Bereiche ihren Finger gelegt. Die Legende sagt, Zachäus sei ermordet worden. War das die Strafe? Die westliche Kirche hat ihn nicht aufgenommen in den Heiligenkalender. Aber vielleicht ist er doch als Märtyrer gestorben. Die koptische Kirche jedenfalls hat ihn als Patron der Gastwirte verehrt.

Aber ist das denn wichtig? Was die sagen oder die?

Wer fällt ein Urteil über unser Leben?

Heute ist dir Heil wiederfahren, hat Jesus gesagt. Und was Jesus sagt, gilt, für Zachäus und uns. Und das allein zählt.

Pfarrer Johannes Taig    (Hospitalkirche Hof)
(weitere Predigten von Pfarrer Taig finden Sie exklusiv unter www.kanzelgruss.de)

Text: 

(1)Und er ging nach Jericho hinein und zog hindurch.
(2)Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich.
(3)Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt.
(4)Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen.
(5)Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.
(6)Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.
(7)Als sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt.
(8)Zachäus aber trat vor den Herrn und sprach: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.
(9)Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn.
(10)Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. 


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