Predigt    Markus 13/31    Jahreslosung 2004    04.01.04

"Von der Autorität des Wortes Gottes"
(von Pfr. Johannes Taig, Hospitalkirche Hof)

Liebe Leser,

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbst verschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache desselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ So schrieb es der Philosoph Immanuel Kant, dessen Todestag sich am 12. Februar zum 200sten Male jährt, in seiner kleinen Schrift „Was ist Aufklärung“ vor allem wider die „regiersüchtige Geistlichkeit“. „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen,“ wurde zum Wahlspruch der Aufklärung.

Hinter die kann man nur um den Preis der Dummheit zurück. Und die mutet uns vielleicht eine mittelalterliche Kirche, eine fundamentalistische Lehre, eine Sekte oder der Guru von nebenan zu, keinesfalls aber Gottes Wort selbst. Und das sollten wir heute in der Kirche schon ein bisschen lauter sagen, weil Denken eine Anstrengung fordert und der Mensch gemeinhin zur Faulheit neigt und zum Rückfall in voraufklärerische Zeiten, wie der Boom auf dem esoterischen Schnickschnackmarkt beweist. Da können und wollen wir nicht mithalten. Ein bisschen Kosmologie, ein bisschen Astrologie, ein bisschen Fernöstliches - je phantastischer, desto überzeugender - nach Hildegard von Bingen gut durchrühren - fertig ist das religiöse Leibgericht des 21. Jahrhundert. Dass viele solche spirituellen Potpourris für vernünftiger und aufgeklärter halten, als das, was in der Kirche gepredigt wird, gehört zu den kritikwürdigen Lebenslügen des modernen Menschen. Da hätte ein Immanuel Kant wohl auch heute seinen Spott gehabt.

Auch unsere Jahreslosung beginnt mit einem überaus vernünftigen Satz. Mag es zwischen Himmel und Erde mehr geben, als des Menschen Geist sich träumen lässt; vergänglich ist es allemal. Im Lichte der Aufklärung hat der Mensch schmerzhafte Kränkungen und Demütigungen erfahren müssen. Kopernikus hat ihn aus der Mitte seines Kosmos katapultiert. Moderne Astronomie aus dem Zentrum seiner Milchstraße. So wurde er schließlich zu einer Randerscheinung eines seltsam schweigenden Kosmos. Dass auch der einmal endet entspricht den Gesetzen der Physik. Immer weiter beschleunigt dehnt er sich aus um sich in unendlichen Zeiträumen immer weiter zu verdünnen und abzukühlen und schließlich in einem Kälteschlaf zu erstarren. Wer weiß!

Dass es nun aber etwas geben soll, was dem Lauf einer vergänglichen Welt trotzt, ja sogar widerspricht, ist nun allerdings eine Auskunft, die unseren Glauben und unseren Verstand gleichermaßen herausfordert. Denn das wäre ja wirklich der Halt an sich, in einer Welt, der gar nicht anderes übrig bleibt, als sich in immer neuen Variationen zu Ende zu denken. Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen. So sagt es der Christus, den die Bibel selbst als das fleischgewordene Wort Gottes bekennt. Gott und sein Wort, das uns in Christus auf menschliche Weise begegnet beansprucht damit in einer vergänglichen Welt eine besondere und herausragende Autorität.

Nun hat gerade die Aufklärung jede Form von Autorität zurecht bestritten, die sich darauf gründet, dass der Mensch auf den Gebrauch seines Verstandes verzichtet und blinde Gefolgschaft verlangt. Und so prallen die Autorität der Vernunft und - wir formulieren bewusst - die Autorität der Kirche bis heute aufeinander, je länger um so heilloser.

Denn „was dem Glauben an kritischer Vernunft vorenthalten wird, dass wird zwangläufig durch Aberglauben ersetzt“ (Eberhard Jüngel, Unterwegs zur Sache, Mohr 2000/3, S. 296). Aberglaube entsteht in der Kirche immer dann, wenn die Kirche ihre eigene Autorität mit der Autorität des Wortes Gottes verwechselt. Wenn sie sich als Stellvertretung an die Stelle Gottes in der Welt setzt und als Kirche die höchste Autorität auch über die Vernunft beansprucht. Sie möchte, dass man an sie glaubt. Ein Glaube, der die Autorität der Kirche mit der Autorität des Wortes Gottes verwechselt ist Aberglaube. Denn die Kirche ist nichts im Vergleich zum Wort Gottes. Ohne dieses Wort hat sie nicht einmal eine Existenzberechtigung, denn sie ist einzig dazu da, dieses Wort Gottes in der Welt durch Wort und Tat auszurichten. Und dazu kann sie sich nicht einer eigenen Heiligkeit und Autorität, sondern nur des klaren und verständlichen Worts - des Verstandes eben - bedienen. Den Rest muss sie dem Heiligen Geist, dem Wort Gottes selbst überlassen.

Selbst der Versuch, wenigstens die Autorität der Bibel jenseits ihres Inhalts zu retten, muss scheitern. Jedes Wort der Bibel sei vom Heiligen Geist inspiriert, lehrte die Kirche - immer dann im falschen Sinne, wenn sie damit behauptete, dieses Wort sei durch die kritische Vernunft nicht mehr hinterfragbar. Wohin das führt zeigen uns noch heute christliche Fundamentalisten, die behaupten, unsere Welt sei tatsächlich in sechs Erdentagen erschaffen worden und fordern, solches solle doch wieder in Schule gelehrt werden. Hier gilt: Dass die Bibel Menschenwort ist, ist Ausdruck der Menschwerdung Gottes. Im Menschenwort enthält sie und sagt sie das Wort Gottes weiter. Als Menschenwort ist sie mit dem Wort Gottes nicht identisch. Oder anders: Als Autorität kann die Bibel nicht geltend gemacht werden, damit sie etwas zu sagen hat, sondern weil sie etwas zu sagen hat. Oder mit dem Theologen Martin Kähler treffend formuliert:„Wir glauben nicht an Christus um des geschriebenen Wortes willen, sondern wir glauben dem Wort um seines Christus willen.“

Und dieser Christus kommt als das fleischgewordene und ewige Wort Gottes - nun ganz anders als eine anmaßende Kirche oder ein vernunftfeindlicher Fundamentalismus - so gar nicht autoritär daher. Der Apostel Paulus trifft den rechten Kirchenton, wenn er schreibt: „So bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“ (2.Kor.5/20). Das unvergängliche Wort Gottes bittet. „Die Bitte ist die Autoritätsform des Evangeliums“ (Eberhard Jüngel, ebd. S.187). Die Bitte zielt auf Einverständnis. Einverständnis ist ein Akt des Herzens und des Verstandes und allemal ein Akt der Freiheit, in dem wir uns gefallen lassen, dass Gott uns und unsere vergängliche Welt mit sich versöhnt. Auf dass wir SEIN werden und so wir sterblichen Menschen und der ewige Gott eine gemeinsame Zukunft haben. Denn wer mit sich, der Welt und Gott versöhnt ist, ist wirklich frei.

Und wir ahnen an dieser Stelle, dass die kritische Vernunft und der Glaube keine Feinde bleiben, sondern Freunde werden können, in versöhnter Verschiedenheit, in Achtsamkeit für das, was jeder auf seine Weise vermag und was nicht. Denn „was die kritische Vernunft an Glauben verfehlt, dass ersetzt sie zwangsläufig durch Unverstand“ (Eberhard Jüngel, ebd. S. 296). Und Unverstand entsteht der Vernunft immer dann, wenn sie ihre eigene Autorität mit der Autorität Gottes verwechselt. Wenn sie sich an die Stelle Gottes setzt und die höchste Autorität in der Welt für sich beansprucht: Sie möchte, dass man an sie glaubt. Ein Glaube, der die Autorität der eigenen Vernunft mit der Autorität Gottes verwechselt ist unvernünftig.

Und so ist auch die Geschichte der Aufklärung bis heute nicht nur eine Geschichte der Befreiung, sondern auch eine Geschichte der unheilvollen Grenzüberschreitungen, der maßlosen Selbstüberschätzung und der sinnlosen Tabuzertrümmerung. Sie hat sich eben auch jene Zeitgenossen herangezogen, die sich im Namen der Aufklärung den Hintern an allem abwischen zu dürfen meinen, was sie nicht verstehen. Das Recht auf Dummheit gehört nicht zum Programm der Aufklärung. Und der Hang zur Tabuzertrümmerung ist entwicklungspsychologisch gesehen eine vorübergehende Erscheinung, die Menschen vor allem in der Pubertät befällt. Manchmal hat man den Eindruck, dass wir heute in einer pubertären Gesellschaft leben, die erst noch schmerzlich begreifen muss, dass mit der Zerschlagung aller Autoritäten nicht die große Freiheit, sondern die große Obdachlosigkeit angebrochen ist. Ohne das Wiederentdecken gemeinsamer Autorität, wird die Menschheit ihren Weg nicht finden. Dies wird ein schmerzvoller Prozess sein.

Die Losung für das angebrochene Jahr, zeigt uns, wo in einer vergänglichen Welt Obdach zu finden ist. Daher hat Kirche sich auf das Ausrichten des Wortes Gottes neu zu besinnen und zu konzentrieren. Sie tut dies nicht autoritär, sondern sie bittet an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott. Denn das Wort Gottes schafft, was es sagt: Versöhnung und Freiheit. Denn wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. (2.Kor.3/17) Die kritische Vernunft kann uns helfen, diese Freiheit zu bewahren und gegen ihre Bedrohungen zu kämpfen. Sine vi, sed verbo! Nicht mit Gewalt, sondern mit dem Wort. Auf dass Glaube und Vernunft Freunde werden, denen der ewige Gott gerne sein Zuhause gewährt.
 

Pfarrer Johannes Taig    (Hospitalkirche Hof)
(weitere Predigten von Pfarrer Taig finden Sie exklusiv unter www.kanzelgruss.de)

Text: 

Christus spricht:

(31)Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen.


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