Predigt    Markus 16/9-20   Quasimodogeniti   15.04.2007

"Stück vom Himmel"
(Von Vikar Jörg Mahler, Hospitalkirche Hof)

Liebe Leser,

Herbert Grönemeyer singt im Titelsong „Stück vom Himmel“ seines neuen Albums:

Ein Stück vom Himmel
Ein Platz von Gott
Ein Stuhl im Orbit
Wir sitzen alle in einem Boot
Hier ist dein Haus
Hier ist, was zählt
Du bist überdacht
Von einer grandiosen Welt.


Wir alle leben in einem Stück vom Himmel auf unserer grandiosen Welt. Das stimmt. Und es stimmt auch wieder nicht, denn die einen gehören dazu, die anderen nicht. Die einen führen gegen die anderen Krieg. Die einen leben auf Kosten der anderen, und wir alle leben auf Kosten der Natur und Umwelt. Dagegen singt Grönemeyer an, wenn es weiter heißt:

Es gibt genug für alle
Wir haben raue Mengen
Und wir teilen diese Welt
Wir stehen in der Pflicht.


Durch sein Lied soll eine Bewegung in uns kommen, die uns zu Versöhnung und einer gerechten Teilhabe aller an den Gütern dieser Welt und zu einem nachhaltigen Umgang mit den Ressourcen führen will. Doch welche Rolle spielt bei Grönemeyer der Glaube oder die Religion?

Die Bibel ist nicht zum Einigeln
Die Erde ist unsere Pflicht
Da hat er wohl recht! Doch er singt auch:
Warum in seinem Namen
Wir heißen selber auch

Hier warnt Grönemeyer davor, dass sich der Mensch bei seinen Handlungen auf Gott beruft und sich nur Gott verantwortlich fühlt. Die Religion ist, wie er sagt, „wunderbar für jeden einzelnen als moralisches Gerüst im Kopf, aber man darf nicht plötzlich anfangen, das als Identifikation zu nehmen.“. Grönemeyers Botschaft lautet: Die Welt ist nur gemeinsam zu retten. Ihm geht es darum, gemeinsam anzupacken, gemeinsam etwas zu verändern. Und dazu ist Religion nicht unbedingt dienlich, denn Religion separiert für ihn die Menschen und bindet sie nicht zusammen. Daher plädiert er für einen „vorsichtigen Umgang“ mit Religion. Er sieht also letztlich einen Widerspruch zwischen einer Religion, mit der man sich identifiziert, und der „Rettung der Welt“. Die Motivation für die Rettung der Welt nimmt er aus der Identifikation der Menschen untereinander: „Wir sitzen alle in einem Boot“, und daraus, dass wir autonom in unserem Namen handeln – nicht im Namen Gottes, denn: „Wir heißen selber auch!“.

Zum einen frage ich mich: Ist das realistisch? Schaffen wir Menschen das wirklich, unsere Welt zu retten? Oder ist das nicht vielmehr die Tat eines anderen, der uns dazu vielleicht in Dienst nimmt? Und zum anderen: Schafft es die Einsicht, dass wir alle in einem Boot sitzen, wirklich, uns in Bewegung zu bringen? Für mich ist es gerade die Religion, die mich in Bewegung bringt. Es ist die Botschaft von Ostern: Der Tod ist besiegt! Und damit alles, worunter die Menschen leiden! Das stimmt mich froh, und das bewegt mich dazu, gegen alles Todbringende anzugehen. Ich behaupte genau das Gegenteil von Grönemeyer: Wir müssen uns mit dem Glauben identifizieren, denn nur so erleben wir, was Auferstehung bedeutet, und nur so werden wir dazu bewegt, die Auferstehungswirklichkeit in Wort und Tat zu leben! Unser Glaube separiert uns nicht von anderen Menschen, wie Grönemeyer uns das vorwirft. Wir haben vielmehr von Christus den Auftrag bekommen: Gehet hin! Bringt die Botschaft der Versöhnung allen Menschen! Tut Gutes, gerade auch euren Feinden! Da steckt Dynamik drin, da kommt Bewegung auf, mehr als bei dem Bild eines Bootes, in dem wir alle sitzen, das aber nicht vorankommt, weil jeder in eine andere Richtung rudert.

Bei den Jüngern Jesu kam zunächst auch keine Bewegung auf. Sie hatten sich eingeigelt in Jerusalem. Nichts brachte sie in Bewegung, selbst nicht die Nachricht derer, die Jesus als den Auferstandenen gesehen haben wollen. Doch dann trat er mitten unter sie, mitten hinein in ihren Unglauben und ihre Trägheit. Die persönliche Begegnung mit Jesus, dem Lebendigen, mit dem Gott des Lebens hat sie wachgerüttelt.

Manch einer unter uns fragt vielleicht bange und hoffend zugleich: Wie kann ich den lebendigen Christus in meinem Leben erleben? Mir sind solche Glaubenserfahrungen fremd! Wie kann mir Christus begegnen?
Grönemeyer singt:

Es wird zuviel geglaubt
Und zuwenig erzählt
Es sind Geschichten
Sie einen diese Welt

In gewisser Weise hat Grönemeyer recht: Nicht durch den Glauben an starre Lehrsätze und ihr Fürwahrhalten, sondern durch das Erzählen wächst ein lebendiger Glaube und eine Beziehung zu Gott. Das Weitererzählen und Hören von Gottes Wort und von Glaubenserfahrungen von einst und heute kann zu einer Begegnung mit dem lebendigen Christus führen, so dass auch wir die Erfahrung machen: Er ist mitten unter uns! Wer sich auf diese Geschichten aus der Bibel und aus dem Leben einlässt, wer sich dem anvertraut, der durch diese Geschichten spricht, der wird bereit, Gottes Wirken im eigenen Leben zu entdecken.

Die Jünger haben zunächst zwar auch gehört und erzählt bekommen, dass er leben soll, doch sie konnten es nicht wahrhaben, bis sie ihn leibhaftig sahen. Uns gilt, was Jesus dem Thomas gesagt hat: Selig sind, die nicht sehen, aber dennoch vertrauen. Wir werden Christus nicht leibhaftig sehen, aber sehr wohl können wir ihn mit den Augen des Glaubens sehen. Denn wer sich ihm anvertraut, der entdeckt ihn nicht nur in seinem Wort. Er deutet auch seine eigene Geschichte im Horizont des Glaubens und entdeckt darin Gottes Spuren.

Das Christentum ist eine Erzählgemeinschaft von Menschen, die das Wort Gottes und ihre Glaubenserfahrungen weitertragen. Als Christen sind wir Teil dieser Erzählgemeinschaft und kommen so seinem Auftrag nach hinzugehen und von dem zu erzählen, was wir erlebt haben. Da kommt Bewegung in Menschen. Wer nur getauft ist und Kirchensteuern zahlt, der spürt diese Bewegung nicht: Nur wer getauft ist und glaubt, sagt Jesus, der wird selig werden, der wird in seinem Leben eine Seligkeit spüren, so dass er sich „neu geboren“ fühlt, wie der Name unseres Sonntags sagt. Er erlebt ein Stück vom Himmel, und er trägt dieses Stück vom Himmel hinaus in die Welt.

Wie sich dieses Stück vom Himmel bei uns bemerkbar machen kann, sagt uns Jesus. Er nennt uns fünf Zeichen, die denen folgen werden, die da glauben: In meinem Namen werden sie böse Geister austreiben. Sie werden allem wehren, was Menschen belastet und niederdrückt. Sie werden für andere da sein und sich für die gerechte Teilhabe aller an den Gütern dieser Erde einsetzen, und selbst von ihren Gütern anderen geben.

In meinem Namen werden sie in neuen Zungen reden: Wer kennt das nicht? Aus Angst halten wir oft endlose rechthaberische Monologe. Mit einem Stück Himmel im Herzen können wir andere Menschen besser verstehen, auch das, was sie zwischen den Zeilen sagen. Wir können mit dem Herzen hören, und so herzliche Worte finden, die ihnen guttun und ihnen auf- und weiterhelfen.

In meinem Namen werden sie Schlangen mit den Händen hochheben: Der Glaube an den Auferstandenen gibt Mut, bedrohliche und gefährliche Tatsachen in unserer Seele und in unseren sozialen Beziehungen, die sich wie Schlangen im Wüstensand verbergen, nicht mehr zu verdrängen, sondern sie behutsam aufzuheben und so zu behandeln, dass sie sich davonschlängeln.

Und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird’s ihnen nicht schaden: Wie viel seelisches Gift wird unter Menschen durch Blicke, Worte, Gerüchte und spitze ironische oder zynische Aussprüche verteilt! Wie viele Menschen fühlen sich dadurch so angegriffen, dass sie andere meiden und vereinsamen, oder selbst so werden und andere verletzen? Die zum Glauben Gekommenen sind dagegen oft nicht ganz gepanzert, aber sie gehen an der giftigen Bosheit ihrer Mitmenschen nicht zu Grunde, sondern bemühen sich, hinter jedem Giftverbreiter einen von anderen Menschen Vergifteten und Verletzten zu sehen.

In meinem Namen werden sie den Kranken die Hände auflegen: In einer Zone der Vertrautheit und Geborgenheit, der wohlwollenden Nähe und durch körperliche Zeichenhandlungen können Kranke aufatmen und neuen Mut schöpfen. Das erlebe ich immer wieder, wie Menschen, für die es fast schon keine Rettung mehr gab, deshalb genesen, weil man sich treu und fürsorglich zu Hause um sie kümmert. Und andere, denen es eigentlich gar nicht so schlecht ging, die aber in ein unpersönliches Pflegeheim gehen müssen, und vielleicht nur einmal im Monat von der Familie besucht werden, die bauen rapide ab. Als Menschen des Himmels werden wir offen für die Bedürfnisse der Alten und Kranken.

Der Glaube hat Macht, uns zu verändern. Doch es sei gesagt, dass es sich um keinen Automatismus dabei handelt: Nur selten wird ein Mensch sich von heute auf morgen verändern wie Saulus zum Paulus. Aber gleichwohl steckt im Glauben das Potential zur Veränderung: Der Himmel tritt mit uns in Kontakt, um uns zu Menschen des Himmels zu machen, die in Bewegung geraten und diese himmlische Bewegung weiter geben, wie es von den Jünger Jesu berichtet wird: „Sie aber zogen aus und predigten an allen Orten. Und der Herr wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch die mitfolgenden Zeichen.“. Das schenke Gott uns allen.

Vikar Jörg Mahler  (Hospitalkirche Hof)

Text: 

9 Als aber Jesus auferstanden war früh am ersten Tag der Woche, erschien er zuerst Maria von Magdala, von der er sieben böse Geister ausgetrieben hatte.
10 Und sie ging hin und verkündete es denen, die mit ihm gewesen waren und Leid trugen und weinten.
11 Und als diese hörten, dass er lebe und sei ihr erschienen, glaubten sie es nicht.
12 Danach offenbarte er sich in anderer Gestalt zweien von ihnen unterwegs, als sie über Land gingen.
13 Und die gingen auch hin und verkündeten es den andern. Aber auch denen glaubten sie nicht.
14 Zuletzt, als die Elf zu Tisch saßen, offenbarte er sich ihnen und schalt ihren Unglauben und ihres Herzens Härte, dass sie nicht geglaubt hatten denen, die ihn gesehen hatten als Auferstandenen.
15 Und er sprach zu ihnen: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur.
16 Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.
17 Die Zeichen aber, die folgen werden denen, die da glauben, sind diese: In meinem Namen werden sie böse Geister austreiben, in neuen Zungen reden,
18 Schlangen mit den Händen hochheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird's ihnen nicht schaden; auf Kranke werden sie die Hände legen, so wird's besser mit ihnen werden.
19 Nachdem der Herr Jesus mit ihnen geredet hatte, wurde er aufgehoben gen Himmel und setzte sich zur Rechten Gottes.
20 Sie aber zogen aus und predigten an allen Orten. Und der Herr wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch die mitfolgenden Zeichen.
 


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