Predigt    Matthäus 26/31-46   Passionsgottesdienst in der Woche nach Reminiszere   09.03.2007

"Im Windschatten des Christus"
(Von Pfr. Johannes Taig, Hospitalkirche Hof)

Liebe Leser,

es ist, wie wir es in der Kirche nur zu gut kennen: Erst kommen die großen Worte und die großen Ankündigungen und dann der Schlaf der Gerechten. Das kommt daher, dass die Kirche auf einen wie Petrus gebaut ist, der sich da, wo der Christus ihn braucht, nicht gerade als Fels erweist. Und wenn ich mit dir sterben müsste … Die Tränen müssen gebrannt haben, die er wenig später weint, als der Hahn kräht. Immerhin hat er noch Tränen über sich, über den desolaten Zustand der Jüngerschar und nicht die ausgewogene Presseerklärung, dass doch alles gut wird. Doch gut, dass Jesus die Kirche auf einen solchen Mann baut, der nicht bloß tatkräftig für, sondern auch leidensfähig an sich selbst und seiner Kirche ist.

Machen wir uns nichts vor. In der Nachfolge Christi zu stehen und zu seiner Kirche zu gehören, verheißt nicht ruhiges Fahrwasser zur Insel der Seligen. Jesus nimmt die Seinen mit in den Garten Gethsemane und schließlich unter sein Kreuz. Wer im Leben auf Wellness setzt und das Bohren dicker Bretter lieber den anderen überlässt; wer meint, er käme um die Gärten Gethsemane herum, vielleicht gar durch den Glauben, wird den Christus aus den Augen verlieren.

Der führt seine Jünger auch in den Garten Gethsemane, freilich nicht damit sie seinem Leiden nacheifern oder etwas hinzufügen. Gerade im Garten Gethsemane erweist sich Jesus als der Christus, auf den seine Jünger sich unbedingt verlassen können und von dem sie alles erwarten und erhoffen können.

Umgekehrt gilt das ja gerade nicht. Der zu Tode betrübte Jesus könnte in dieser Stunde jeden Beistand gebrauchen. Und sei es, dass die Jünger einfach nur da sind. Nachtwache halten am Weg dieses Sterbenden, der mit seinem himmlischen Vater und mit seinem Schicksal ringt. Diesen Kampf können sie ihm nicht abnehmen, diesen Kampf sollen sie ihm nicht abnehmen. Aber sie könnten schon da bleiben, bei Sinnen bleiben, ein Stündchen oder zwei. Sie können es nicht. Die ersten drei Evangelisten erzählen diese Geschichte. Aber nur Lukas weiß uns zu berichten, wie Jesus in dieser Stunde im Angesicht seiner trostlosen Jüngerschar dennoch Trost erfährt: Es kam aber ein Engel vom Himmel und stärkte ihn. (Lukas 22/43)

Die Passionsgeschichte erzählt uns den Weg des Christus: Wie er hinabsteigt in die Abgründe unserer Welt und unseres Lebens. Wie er es aufnimmt mit den Abgründen von Sünde und Schuld. Wie er es aufnimmt mit den Abgründen von Leiden und Tod. Er nimmt es mit all dem nicht alleine auf. Wir sehen im Garten Gethsemane den Christus in inniger Gemeinschaft mit seinem himmlischen Vater. Und lernen die Passionsgeschichte verstehen als eine Geschichte in die beide hineingehören: Jesus und sein himmlischer Vater. Am Ende geht nicht nur der Christus seinen Henkern entgegen, sondern sein himmlischer Vater mit ihm. So kann Johann Herrmann im Lied EG 81 dichten: „Der Mensch verdient den Tod und ist entgangen, Gott wird gefangen.“ (Vers 5)

Wir schauen auf die schlafenden Jünger. Sie schlafen im Windschatten des Christus, dem in Gethsemane der eisige Hauch des Todes ins Gesicht bläst. Weil der Christus da vorne ist und mit Angst und Tod ringt, können die Jünger hinter ihm ruhig schlafen. Dieses Bild erinnert an die Jünger im Sturm, Matthäus 8, 23f, wo die Jünger vorn stehen und vor Angst mit dem Sturm um die Wette schreien und Jesus liegt hinten und schläft. Ja, das tut er wohl gerne, wenn wir in unserem Unglauben auf die Riesen schauen, die uns angeblich bedrohen. „Im angstvollen Stieren und Gaffen auf die ‚gegebenen Tatsachen‘ fangen diese plötzlich zu wachsen an und wachsen uns schließlich zu unserem Schrecken über den Kopf, und wir werden von ihnen gebannt wie der Frosch von der Schlange.... Wenn wir's doch sehen könnten, wie der Unglaube Riesen züchtet.“ hat Karl Steinbauer einmal geschrieben. Und Jesus quittiert es, während er sich den Schlaf aus den Augen reibt: „Ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam? Und stand auf und bedrohte den Wind und das Meer. Da wurde es ganz stille.“

Ja, schon wahr: Das Schiff, das sich Gemeinde nennt, hat in unseren modernen Zeiten, so manchen Gegenwind. Und Teile ihrer Mannschaft waren erst gerade in Wittenberg auf einem Zukunftskongress mit dem rechten Kurs der Kirche angesichts von erstens, zweitens, drittens und viertens beschäftigt. Da wurde medienwirksam gehämmert und gebastelt, auch wenn manchen inzwischen dämmert, dass vom Umstrukturieren und Leiten der Kahn nicht wirklich flotter wird.

Wirklich in Gefahr aber kommt das Schiff, das sich Gemeinde nennt, wenn die Mannschaft vergisst, wohin dieses Schiff wirklich fährt. Es fährt dem Himmelreich entgegen. Und da sind die lauen Lüftchen der Zeiten, wie stürmisch sie uns vorkommen mögen, wirklich das kleinste Hindernis. Da gehört es wirklich zum kleinsten Problem, dass die Mannschaft vielleicht noch besser entwickelt und ausgebildet sein könnte. Dieses Schiff muss durch die Barriere aus Sünde und Schuld und durch den alles verschlingenden Orkan des Todes, der gerne alles in schönster Grabesstille hinterlassen würde.

Deshalb muss vorne im Schiff allein der stehen, der es mit dieser Macht und Gefahr aufnehmen kann. Deshalb ist der Garten Gethsemane das bessere Bild für die wahren und rechten Verhältnisse in Gemeinde und Kirche. Vorne der Christus, hinten die schlafenden Jünger. Ungewöhnlich milde, ja liebevoll fällt die Rüge des Christus für den Kirchenschlaf seiner Jünger aus. Niemand schläft dort ein, wo er sich nicht sicher und wohl fühlt. Und wenn uns die Ängste und Probleme wieder einmal über den Kopf wachsen und wir müde werden, dann ist nicht der Appell die rechte Medizin, sondern auch einmal der Schlaf im Windschatten des Herrn Christus, der wohl weiß wie er es mit dem, was uns wirklich bedroht, aufnehmen kann.

Wenn wir dann aber wach sind, dann weist uns der Christus an das Gebet. Denn die größte Anfechtung des Glaubens ist, wenn er den, an dem alle Hoffnung hängt, aus den Augen verliert. Im Gebet wird Jesus seinen Jüngern zum Vorbild. Er kann seinen Weg nach Golgatha nicht gehen, ohne sich ganz eins zu wissen mit seinem himmlischen Vater. Diese Einheit erweist sich als stärker als alles. Sie führt ins Leben. Deshalb bewahre der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft auch unsere Herzen in Christus Jesus.

Pfarrer Johannes Taig    (Hospitalkirche Hof)
(weitere Predigten von Pfarrer Taig finden Sie exklusiv unter www.kanzelgruss.de)

Text: 

31 Da sprach Jesus zu ihnen: In dieser Nacht werdet ihr alle Ärgernis nehmen an mir. Denn es steht geschrieben (Sacharja 13,7): »Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe der Herde werden sich zerstreuen.«
32 Wenn ich aber auferstanden bin, will ich vor euch hingehen nach Galiläa.
33 Petrus aber antwortete und sprach zu ihm: Wenn sie auch alle Ärgernis nehmen, so will ich doch niemals Ärgernis nehmen an dir.
34 Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: In dieser Nacht, ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.
35 Petrus sprach zu ihm: Und wenn ich mit dir sterben müsste, will ich dich nicht verleugnen. Das Gleiche sagten auch alle Jünger.

36 Da kam Jesus mit ihnen zu einem Garten, der hieß Gethsemane, und sprach zu den Jüngern: Setzt euch hier, solange ich dorthin gehe und bete.
37 Und er nahm mit sich Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus und fing an zu trauern und zu zagen.
38 Da sprach Jesus zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wacht mit mir!
39 Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist's möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!
40 Und er kam zu seinen Jüngern und fand sie schlafend und sprach zu Petrus: Könnt ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?
41 Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.
42 Zum zweiten Mal ging er wieder hin, betete und sprach: Mein Vater, ist's nicht möglich, dass dieser Kelch an mir vorübergehe, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille!
43 Und er kam und fand sie abermals schlafend, und ihre Augen waren voller Schlaf.
44 Und er ließ sie und ging abermals hin und betete zum dritten Mal und redete dieselben Worte.
45 Dann kam er zu seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Ach, wollt ihr weiter schlafen und ruhen? Siehe, die Stunde ist da, dass der Menschensohn in die Hände der Sünder überantwortet wird.
46 Steht auf, lasst uns gehen! Siehe, er ist da, der mich verrät.


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