Predigt     Matthäus 28/1-10     Ostersonntag     16.04.17

"Sinnlose Wacht"
(von Pfarrer Johannes Taig, Hospitalkirche Hof)
 

Liebe Leser,

niemand hat ernstlich geglaubt, dass der mausetote Jesus von Nazareth sein Grab jemals wieder lebend verlassen könnte. Diejenigen, die entsprechende Verheißungen wenigstens vorsorglich ernst nahmen, waren nicht die Jünger, nicht die Juden, nicht die Schriftgelehrten, es waren die Staatlichen, die wenigstens dafür sorgten, dass das Grab mit einem dicken Stein verschlossen und bewacht war. Man hatte ja schon Einiges erlebt und Verrückten, wie den Jesusanhängern, war alles zuzutrauen. Auch, dass sie die Leiche einfach verschwinden ließen und nachher aller Welt erzählten, er sei auferstanden.

Heute, zweitausend Jahre später wird dieses Grab immer noch scharf bewacht. Wo immer die Botschaft vom Auferstandenen laut wird, rollen die Päpste des vermeintlich gesunden Menschenverstandes ihren dicken Stein davor. Es sei sozusagen wissenschaftlich erwiesen, dass ein Toter nicht wieder lebendig werden könne. Dass sei wider die Vernunft und daher völlig unglaubwürdig. Daher sei die einfachste Erklärung eine psychologische. Die Jünger hätten den Schmerz über den Verlust ihres Meisters nicht verwinden können und seien deshalb in dringend behandlungsbedürftige Visionen und Hirngespinste geflüchtet. Oder sie hätten den Leichnam einfach verschwinden lassen und behauptet … Das hatten wir schon. Und so wälzen sie den Stein der Vernunft wieder und wieder vor das Grab. Den Stein, auf dem die grandiosen Erfolge der menschlichen Vernunft lückenlos verzeichnet sind: Von der Aufklärung bis Auschwitz, vom Penicillin bis zur Atombombe. Wir müssen uns das Vergnügen leider ersparen, diesen Stein der Vernunft mit den Mitteln der Vernunft gehörig zum Bröseln zu bringen. Dieses Vergnügen ist im Osterlachen inbegriffen.

Aber da gibt es noch die anderen, die das Grab und die Botschaft von der Auferstehung ebenso erbittert bewachen. Und das sind die besonders Frommen und Päpste des vermeintlich wahren Glaubens. Die wissen genau, wie das mit der Auferstehung war. Wissen, wie Jesus wieder seinen ersten Atemzug getan und sich aus seinen Leichentüchern befreit hat. Wie er aus dem Grab herausmarschiert ist, ganz der Alte sozusagen, und den Engel gefragt hat, wo man um diese Uhrzeit schon einen anständigen Kaffee bekommen kann. So und nicht anders sei das gewesen und je mehr es aller menschlichen Vernunft widerspreche, desto besser und glaubwürdiger sei es. Nur so lassen sie Jesus aus dem Grab heraus und nur den, der an eine solche Auferstehung glaubt, in ihre Gemeinschaft hinein.

Aber Gott sei Dank haben wir ja in den Evangelien den genauen Bericht, wie es wirklich mit der Auferstehung war. Ach wirklich? Haben Sie auch die feine Diskretion vernommen, mit der uns unser heutiger Osterpredigttext die Einzelheiten der Auferstehung des Christus beredt verschweigt? Wo der allmächtige Gott aus dem Nichts, ja aus dem Nichts des Todes durch sein schöpferisches Wort ins Leben ruft und durch die Mauer des Todes wieder zur Welt hindurch bricht, haben wir zu schweigen. Der Bericht des Matthäus deutet an, dass es sich hier um ein gewaltiges Handeln Gottes handelt, das die Grundfesten von Himmel und Erde erschüttert. Die Erde bebt und vom Himmel blitzt es. Und die menschliche Rolle diesen Ereignissen gegenüber, wird nicht ohne Komik in dem Schicksal beschrieben, das alle Wächter am Grab des Christus ereilt. Sie fallen um wie tot. Sie fallen in Ohnmacht. Sinnlos ist die Wache am Grab des Gekreuzigten. Die Vertretung der römischen Welt- und Kulturmacht wird der Lächerlichkeit preisgegeben.

Auf den Beinen bleiben die Frauen. Nicht die hochgerüsteten Wachen. Die Jünger haben sich verkrochen. Petrus heult wahrscheinlich immer noch, Judas hat sich aufgehängt. Das starke Geschlecht halt. Auf den Beinen bleiben die Frauen. Sie sind in aller Frühe zum Grab gekommen, wie das so viele Frauen tun, die die Gräber ihrer Liebsten besuchen, an besonderen Feiertagen, an bestimmten Tagen in der Woche. Treu und jahrelang kehren sie ein an dem Ort des Gedächtnisses an eine zu Ende gegangene Welt.

An diesem frühen Morgen finden die Frauen einen völlig aus der Ordnung geratenen Friedhof vor. Der Grabstein ist nicht auf seinem Platz. Man stelle ihn sich wirklich groß und schwer vor. So groß und schwer, wie die Vernunft und der Glaube, wie die Lust und der Schmerz, wie die Liebe und der Tod. Und auf dem Stein sitzt ein Engel und predigt.

Drei Marien: So wie Maria, die Mutter des Herrn, die Worte des Engels von der Geburt des Christuskindes in ihrem Leib und später im Stall von Bethlehem erfuhr, so erfahren Maria und Maria Magdalena die Botschaft vom auferstandenen Christus. So wie der Christus als Gottes Wort im Leib der Maria Fleisch wird, so schlägt der gekreuzigte Christus in den Marien aufs neue die Augen auf. Und versetzt sie in Furcht und große Freude.

Robert Leicht hat recht, wenn er schreibt: „Nicht die Begegnung mit dem Auferstandenen macht den Glauben, sondern der Glaube führt zur Begegnung mit dem Auferstandenen. Der Glaube der beiden Frauen und also der allererste, ursprüngliche christliche Glaube an den Auferstandenen, nimmt von der Anrede des Boten Gottes am offenen Grab seinen Ausgang. Nirgendwo sonst.“ (Robert Leicht, GPM 1,2005, Heft 2, S. 216).

Nein, die beiden Frauen schauen nicht mehr nach. Gräber interessieren sie nicht mehr, nicht einmal leere. Schon laufen sie los und dem Auferstandenen mitten vor die Füße. Sie „lassen sich von der direkten Anrede Gottes - furchtsam und freudig zugleich, aber doch frei - mitreißen. Sie verlangen für Gottes Zusage keine menschlichen Beweise, sie lassen sich auf die Ebene der Beweisfragen und -zweifel gar nicht erst ein. Zweifel sind dann später Männersache, jedenfalls bei „einigen“ Jüngern (Mt. 28/17). Aber wenn wir es denn für überhaupt möglich halten, und doch deshalb erst davon reden dürfen, ohne schweigen zu müssen, doch immer wieder zu singen wagen, selbst an offenen, noch nicht verschlossenen Gräbern: ‚Jesus ist kommen, nun springen die Bande. Stricke des Todes die reißen entzwei‘ (EG 66,2) - was bedürfen wir da gewöhnlicher Beweise und kruder Tatsachen?“ (Robert Leicht, a.a.O.).

Sie sind so sinnlos wie die Wacht am verschlossenen Grab. Marschieren wir hinaus in die Welt im Vertrauen auf die Botschaft des Engels: „Er ist nicht hier; er ist auferstanden.“ Es ist wahr: Wer dieser frohen Botschaft traut, läuft dem Auferstandenen mitten vor die Füße. Und wird seine Stimme hören und das, was sie sagt, was gilt, nicht nur im Leben und Sterben, sondern in Ewigkeit: „Fürchtet euch nicht!“

Pfarrer Johannes Taig    (Hospitalkirche Hof)
(weitere Predigten von Pfarrer Taig finden Sie exklusiv unter www.kanzelgruss.de)

Text:

1 Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria Magdalena und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen.
2 Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf.
3 Seine Erscheinung war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee.
4 Die Wachen aber erbebten aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot.
5 Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht.
6 Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt und seht die Stätte, wo er gelegen hat;
7 und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern: Er ist auferstanden von den Toten. Und siehe, er geht vor euch hin nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt.
8 Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen.
9 Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder.
10 Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: Dort werden sie mich sehen.

 


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