Predigt    Matthäus 28/16-20    6.Sonntag nach Trinitatis    27.07.03

"Auf dem Heimweg"
(von Pfr. Johannes Taig, Hospitalkirche Hof)

Liebe Leser,

mit einem gewaltigen Schlussakkord endet das Matthäusevangelium. Jesus ist auferstanden und lässt den Jüngern ausrichten, sie sollen auf einen Berg in Galiläa gehen. Dort würden sie ihn sehen (Mt. 28/10). Und so sind die Jünger eine ganze Weile unterwegs um von Jerusalem nach Galiläa zu wandern. Für Petrus, Jakobus und Johannes ist das der Weg nach Hause. Vielleicht haben sie sich daran erinnert, wie Jesus ihnen vor drei Jahren die Boote mit Fischen füllte, so dass sie fast sanken, und wie sie alles stehen und liegen ließen um Jesus nachzufolgen (Lk 5/1ff.). Der See Genezareth in Galiläa und die Berge ringsum, da waren sie daheim.

Was wird das für eine Wanderung gewesen sein? Die Botschaft der Frauen ging ihnen im Kopf herum. Die hatten Jesus von Nazareth gesehen. Sein Grab war leer. Er hatte zu ihnen gesprochen. Konnte das sein? Keiner der Jünger, der an der Geschichte der Frauen nicht seine Zweifel hatte. War denn nicht alles vorbei? War es denn nicht Zeit endlich nach Hause zu gehen? Petrus stellte sich seine Frau vor, wie sie ihn süffisant fragte, wie kurz er denn diesmal zu bleiben gedenke. Aber je länger sie wanderten, desto vertrauter wurde die Landschaft und die Gesichter, die sie grüßten. Manchmal mitleidig grüßten, denn es hatte sich offensichtlich herumgesprochen, was in Jerusalem geschehen war. Ohne ihren Meister waren sie Ritter von der traurigen Gestalt. Aber der Gedanke war schon wie eine Zuflucht: Man könnte vor dem Ofen sitzen, sich die Wunden lecken und hätte für mehr als ein Leben lang genug Geschichten zu erzählen. Was hatten die Jünger mit Jesus nicht alles erlebt?

So gingen die Jünger zu dem Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte, sahen ihn und fielen vor ihm nieder.

Mehr als tausend Jahre früher machte ein Mann namens Mose die gleiche Bewegung, als er zum Berg Horeb kam, den brennenden Dornbusch erblickte und sich auf heiligem Land wieder fand (2.Mo 3/1ff). Dort offenbarte ihm Gott seinen Namen: „Ich werde mit dir sein“. Die Geschichte der Befreiung aus der Knechtschaft Ägyptens begann.

Als die Jünger ihn sahen fielen sie vor ihm nieder. Vor ihnen steht Jesus, der Christus, dem alle Macht gegeben ist im Himmel und auf Erden. Die Geschichte der Befreiung und Heimholung von Himmel und Erde hat längst begonnen. Der Gott im brennenden Dornbusch hatte kein Gesicht. Der Allesbeherrscher, der Pantokrator Christus hat eins und noch die Male der Nägel an seinen Händen und Füßen.

Er trägt eine Geschichte an sich, die begann mit dem Wohlgefallen Gottes bei der Taufe im Jordan (Mt 3/13ff). Gleich darauf wird erzählt, wie Jesus der Versuchung widersteht, die Weltherrschaft an sich zu reißen, obwohl sie ihm zusteht. Aber er geht den Weg der Gotteskindschaft und lässt nicht zu, dass das Band der Liebe zwischen ihm und seinem himmlischen Vater zerreißt. Es hält bis in den Tod und auch der Tod beißt sich an diesem Verbund die Zähne aus. Gott erweißt sich in seiner Liebe als stärker als Teufel und Tod. Nichts kann ihn mehr aufhalten. Die ganze Welt ist nun heiliges Land.

„Ich werde mit dir sein“ ist der Name, den Gott dem Mose am Berg Horeb offenbart. „Siehe ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende“, sagt Jesus zu den am Boden liegenden Jüngern. Und wir hören mit den Jüngern, dass wir es hier offensichtlich mit dem einen und wahren Gott zu tun haben, der sich in seiner Liebe treu bleibt und sie am Ende bis in die letzten Winkel dieser Welt hinein entgrenzt. Nirgendwo, wo er nicht bei uns wäre.

In diesem letzten Satz erzählt Matthäus die Himmelfahrt gleich mit. Himmelfahrt bedeutet nämlich nicht, dass der Christus von uns Menschen weg in die Ferne entschwindet, sondern dass er um so näher bei jedem von uns ist, alle Tage, bis an der Welt Ende. Jesus geht in die allumfassende Gegenwart. Die Bibel sagt auch Ewigkeit dazu. Die ist wie der Christus gar nicht so weit weg, wie wir immer meinen.

Und die Jünger sollen auch gehen. Noch nicht in die Ewigkeit und auch nicht nach Hause, sondern in die weite Welt. Ihre Geschichten von und mit Jesus sollen sie erzählen, nur nicht immer vor dem gleichen Ofen. Aber die Geschichten genügen. Was sie sonst an Macht und Zivilisation haben, dürfen sie getrost Zuhause lassen. Das hat schon Kolumbus nicht begriffen und in seinem Gefolge all die Kolonialwarenhändler und Kulturzerstörer, die das Kreuz auf ihren Schilden trugen. Schon die Titulierung dieser letzten Worte Jesu als „Tauf- und Missionsbefehl“ hat etwas Militärisches und hat Jesu Auftrag, sein Evangelium allen Menschen weiterzusagen noch für lange Zeit beschädigt. Der Ruf christlicher Mission wird nicht besser, wenn evangelikale Christen nach dem gewonnen Irakkrieg ihre Leute in dieses Land schicken um Moslems zu missionieren. Das wäre ein Zeugnis für das Evangelium, wenn Menschen aus den christlichen Abendländern endlich auszögen und statt Kriege, den Frieden in der Welt gewinnen würden.

Falsche Mission hat immer etwas mit Unglauben zu tun. Luther zur Stelle: „Denn wir sind es doch nicht, die da könnten die Kirche erhalten, unsere Vorfahren sind es auch nicht gewesen, unsere Nachfahren werden es auch nicht sein; sondern der ist’s gewesen, ist’s noch und wird’s sein, der da spricht: Ich bin bei euch bis ans Ende der Welt ...“(zitiert nach GPM, Heft 3, 2003, S. 366). Christliche Mission darf sich alle Zeit der Welt nehmen. Wenn sie sie nicht hat, stecken andere Gründe und Motive dahinter.

Wenn ihr niemals Zweifel kommen auch! Als die Jünger vor ihrem Herrn auf dem Berg am Boden liegen, wird der Zweifel nicht verschwiegen. Mit 150prozentigen kann der Christus nichts anfangen. Sie sind nicht überzeugend, sondern frustrierend, nicht gewinnend, sondern abschreckend, nicht menschlich, sondern übermenschlich. Sie bringen kein Heil, sondern sind – gestern wie heute – zu jedem Verbrechen im Namen Gottes fähig. Sie ignorieren den Unterschied zwischen Gott und Mensch. Und deshalb baut der Christus seine Kirche lieber auf Petrus, der den Fels im Namen trägt und doch den Schrei des Hahns sein Leben lang niemals vergessen hat.

Menschen eben, die begriffen haben, dass zum Glauben Mut gehört und zum sturen Herunterbeten angeblich ewiger Wahrheiten nur die Angst. Das weiß nur der, der den Zweifel kennt und ihm nicht ausgewichen ist.

Solche Leute sendet der Christus in die Welt. Und wer weiß, auch nach Hause. Denn bei uns Zuhause gibt es ja inzwischen wieder genug, die vom Evangelium nichts mehr wissen. Ihnen zuzuhören, mit ihnen zu leben und ihnen aus dem Evangelium zu erzählen, einladend und ohne die eigenen Zweifel zu verstecken, dazu gehört auch bei uns Zuhause oft der Mut des Glauben. Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. Das ist die Verheißung, die auf einem Leben der Gotteskindschaft liegt. Und weil wir gern ein Zeichen haben, hat Jesus die Taufe dazugetan und wir geben noch eine Kerze dazu oder ein Kreuz an einem Kettchen. Und ich stelle mir vor, wie der Herr des Himmels und der Erde lächelt, wenn wir uns daran festhalten und liebevoll auf uns herabschaut und auf seine Hand, in der wir uns befinden.
 

Pfarrer Johannes Taig    (Hospitalkirche Hof)
(weitere Predigten von Pfarrer Taig finden Sie exklusiv unter www.kanzelgruss.de)

Text: 

(16)Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte.
(17)Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten.
(18)Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.
(19)Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes
(20)und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.
 


Archiv
Homepage Hospitalkirche